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Die Passionsspiele in Erl

Alle sechs Jahre werden die Passionsspiele in Erl aufgeführt. Ein Pestgelübde war der Beginn einer langen Tradition, die von 1613 bis heute reicht. Seit dieser Zeit bringen die Menschen in dem kleinen Tiroler Ort, kurz vor Kufstein, alle Jahre wieder die Passion Christi auf die Bühne.

Auf dem Brennerpass durch die Alpen

Hoch zum Brennerpass führt mit dem Inntal eine der niedrigsten Passagen durch die Alpen. Damit ist das weite Tal, in dessen Grund der grüne Inn gemächlich fließt, schon immer eine Einfallschneise für all diejenigen, die so bequem wie möglich von Nord nach Süd oder Süd nach Nord reisen wollten. Die Römer bauten die erste Straße über den Brennerpass, Kaiser Karl zog auf seinem Weg nach Canossa durchs Tal und bis heute wird diese Route für den Handel zwischen dem Norden und dem Süden genutzt. Er ist das Tor zur italienischen Adria.
Die Händler brachten Wein, Getreide, Tuche und Salz in den Norden, versorgten den Süden dafür mit Wolle, Pelze und Honig. Florierte der Handel, hatten die Menschen ihr Auskommen und es ging ihnen gut.

Inhaltsverzeichnis

Krankheiten auf Reisen
So auch die Menschen in Erl
Die Geschichte des Passionsspielhauses in Erl
Alle sechs Jahre
Mitten im Geschehen!
Jesus steht im Mittelpunkt
Die nächsten Passionsspiele in Erl

Krankheiten auf Reisen

Händler packten ihre Waren auf Wagen und Karren, zurrten sie in Bündeln fest und huckten sie den Lasteseln oder Pferden auf. Manchmal brachten die Händler jedoch nicht nur ihre Waren über den Pass. Dann reisten Krankheiten als unerkannte Konterbande im Gepäck oder Körper, kamen in die Städte und Dörfer. Wer ihnen zu nahe kam, erkrankte an Pest, Pocken oder anderen für die damalige Zeit oft tödlichen Krankheiten. Da niemand um deren Ursachen wusste, hielten die Menschen sie für eine Strafe Gottes. Manche ergaben sich in ihr Schicksal. Andere jedoch versuchten es mit Messen, Bittgängen und Bußen. Vielleicht war Gott ja dann gnädiger?

Das Passionsspielhaus in Erl
Das Passionsspielhaus in Erl

So auch die Menschen in Erl

Das kleine Dorf liegt nicht nur in der Nähe von Kufstein, sondern an einer der Hauptreiserouten zum Brennerpass. Bis heute führt diese am Inn entlang, den noch recht großzügigen Platz im Tal teilen sich Autobahn, Eisenbahnstrecke, Fluss und die kleinen Nebenstraßen. An drei Seiten ist Erl von Bayern umringt. Damit befindet es sich in einer Lage, die früher oft heftig umkämpft wurde. Die Schrecken des schwarzen Todes waren somit immer gegenwärtig, ebenso wie der Wille der Menschen, diesen zu besiegen oder ihm wenigstens zu entkommen. Passionsspiele waren eine Möglichkeit. Ob die Bauern und Schiffer von Erl aus eigenem Antrieb begannen, oder ob sie vom Pfarrer ermuntert wurden, ist nicht überliefert. 1613 wurden die Spiele zum ersten Mal erwähnt, Pilger hatten sie gesehen und darüber berichtet. Damit begann die offizielle Geschichte der Passionsspiele in Erl.

Das Passionsspielhaus in Erl inmitten der Berge
Das Passionsspielhaus in Erl inmitten der Berge

Auch wenn heutzutage die Schrecken von Pest und Krieg gebannt scheinen, immer weniger Menschen an einen zürnenden oder gütigen Gott glauben und es eigentlich keine Notwendigkeit mehr für derartige Passionsspiele gibt, lassen die Erler nicht nach. Alle sechs Jahre bringen sie ihre Spiele auf die eigens dafür errichtete Bühne. Die Geschichte des Leidens Jesu ist bekannt, ebenso wie ihr Ausgang, sein Tod am Kreuz. Da gibt es kaum Überraschungen, sollte man meinen. Weit gefehlt. Sicher, auch die 2013 erstmals aufgeführte Textversion von Felix Mitterer zitiert Bibelworte wortwörtlich, geht jedoch darüber hinaus, passt sich sozusagen an die Bedürfnisse der Gegenwart an. Schließlich ist es bei den Erlern bereits Tradition, in Tiroler Althergebrachtes Neuerungen einzubringen.

die Bühne des Passionsspielhauses in Erl
Passionsspielhaus in Erl, die Bühne vor der Vorstellung

Die Geschichte des Passionsspielhauses in Erl

Eine dieser Neuerungen ist beispielsweise das Passionsspielhaus selbst. Zwischen 1956 und 1959 errichtet, titelte damals eine Münchner Zeitungvon einer »großen Passion im kleinen Dorf«. Allein der Zuschauerraum fasst mit seinen 1500 Plätzen mehr Gäste, als Erl mit seinen 1450 Einwohnern überhaupt vorweisen kann. Zudem stehen von den Einwohnern zur Passionsspielzeit rund ein Drittel auf den Brettern der Bühne.
Der Neubau war notwendig, weil 1933 das alte Passionsspielhaus abgebrannt war. Da die Spiele unter den Nationalsozialisten verboten waren, wurde dieser erst weit nach dem Nationalsozialismus geplant und errichtet. Erstaunlich daran ist, dass ganze 26 Jahre zwischen dem Brand und der Einweihung des neuen Hauses lagen, eine gute Generation. Für die meisten Vereine hätte eine solch lange Pause wohl eher das endgültige Aus bedeutet, nicht jedoch für die Erler.

Die Kostüme warten
Passionsspielhaus in Erl: Hier warten die Kostüme auf den Einsatz.

Alle sechs Jahre

Beschließt die Vollversammlung des Passionsspielvereins eine Aufführung, werden die Passionsspiele aufs Neue auf die Bühne gebracht. In der Regel passiert das alle sechs Jahre. Fällt in dieser Sitzung gewissermaßen der Startschuss zur nächsten Passion, wird jeder Erler gefragt, gleich ob Baby oder Greis: “Willst du mitspielen?”
Weil die Aufführung selbst kein Wunschkonzert ist, verteilt der Regisseur die einzelnen Rollen Wer sich fürs Mitspielen entscheidet, braucht übrigens fast ein Jahr keinen Friseur mehr. In der gesamten Probe- und Spielzeit geht es weder Bart noch Haaren an den Kragen.

Passionsspiele Erl
Das Kreuz wartet hinter der Bühne

Im November beginnen die Proben, zu einer Zeit, in der es im ungeheizten Passionsspielhaus noch brutal kalt sein kann. Glücklicherweise lässt sich wenigstens der Proberaum heizen. Da jedoch die vergangene Aufführung der Passionsspiele in Erl auf einer schräg aufgebauten Bühne gespielt wurde, mussten die Mitspieler schon früh auf diese wechseln. Sie probten die Szenen in warmer Skikleidung.

Der Schnürboden
Der Blick reicht weit in den unverkleideten Schnürboden.

Mitten im Geschehen!

Von ihren Plätzen aus haben die Zuschauer auf die gesamte Bühne freie Sicht, ebenso auf den hölzernen Schnürboden. Eine ursprünglich geplante Betondecke wurde nie eingebaut. Das großzügige Sichtfeld rahmt das Spielfeld und bietet von allen Plätzen einen durch nichts gehinderten Blick. Wer hier zuschaut, ist mitten im Geschehen. Wie Regisseur Markus Plattner in der Aufführung von 2019 den Text von Felix Mitterer und die Musik von Wolfram Wagner in der Inszenierung verband, tat ein übriges und bezog bewusst Zuschauer mit ein. Zum Abendmahl senkten sich die großen Ringe von der Decke: Innen teilte Jesus die Eucharistie aus, zunächst an die im nächsten Kreis stehenden Jüngerinnen und Jünger. Ja, auch Frauen werden genannt, explizit Maria Magdalena, die als »Apostelin der Apostel« ebenso einen Sendungsauftrag erhielt, wie die anderen, die Männer. Dann standen Darsteller in moderner Kleidung auf, die bisher unerkannt im Publikum saßen, gingen auf die Bühne, reihten sich ein, wurden ebenso einbezogen und gesandt, wie die eigentlichen Jünger.
Dass die Erler keine gelernten Schauspieler, sondern Laiendarsteller sind, ist im Stück nicht zu spüren, ihr Enthusiasmus, ihre Lebensfreude und vor allem ihre Hingabe jedoch sehr. Das großartige Licht und die an die kahle Bühnenwand projizierten Bilder, wie das allwissende Auge oder die das Auf und Ab der Börsenkurse nachahmenden grün gezackten Linien, verstärken die Stimmungen. Das gleiche gilt für die akzentuierte Musik und den präzisen Einsatz von Chor und Orchester

Jesus steht im Mittelpunkt

Jesus steht im Mittelpunkt. Das gilt vom Einzug in Jerusalem – mit echtem Esel – bis zur Kreuzigung. Er verkündet seine Botschaft klar und ahnt voraus, was in späterer Zeit daraus gemacht wird. Trotzdem bleibt er Spielball zwischen den Mächten, bis er schließlich direkt vor den Zuschauern am Rand der Bühne gekreuzigt wird. Die eindrucksvolle Schlussszene geschieht mitten im Raum: Jesus steht am Bühnenrand und alle Zuschauer erheben sich zu den Klängen von »Großer Gott, wir loben dich«. Damit bekommt das Leiden Jesu einen Sinn, der weit in die heutige Zeit hinausweist, einer Zeit, die oft meint, ohne einen Gott oder eine verbindende Idee auszukommen.
Gänsehaut pur: Passionsspiele in Erl.

Die nächsten Passionsspiele in Erl finden 2025 statt.
Weitere Infos
Ist übrigens die letzte Vorstellung gespielt, die sogenannte Derniere, werden die Bärte und Haare der Männer wieder gekürzt.
Tickets und weitere Infos bekommt ihr über die Homepage der Passionsspiele.

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