Hochfilzen: Hier kommt der Winter mit Sport und Familien zusammen
Hochfilzen in Tirol ist ein Familienurlaub der besonderen Art. Hier wirkt der Winter, als hätte er selbst einen ruhigen Lieblingsort gefunden. Es ist eine stille, funkelnde Hochebene, eingebettet zwischen den schroffen Leoganger Steinbergen und den weichen, weißen Hügeln der Kitzbüheler Alpen. Wer hier ankommt, spürt sofort diese besondere Mischung: das sanfte Atmen eines Bergdorfes, das seine Wurzeln nie verloren hat, und gleichzeitig die vibrierende Energie eines Sportzentrums, in dem Weltklasse-Athleten Geschichte schreiben.
Für Kinder sehr gut geeignet
Hochfilzen empfängt Kinder wie ein freundlicher Riese. Gerade für Familien ist Hochfilzen ein leuchtender Startpunkt mit einladenden Pisten, ideal für erste Bögen. Die Loipen für Langlauf ziehen sich wie gemalte Linien durch das Tal, auf ihnen lässt sich im Gleiten ein kleines poetisches Abenteuer erleben, das im eigenen Tempo wächst. Es ist ein guter Ort, um sich vorsichtig an Geschwindigkeit heranzutasten, das Gleichgewicht zu finden, das Lächeln zu spüren, wenn es plötzlich „klick“ macht und man gleitet, statt zu stolpern. Und dann die Loipen, diese eleganten weißen Linien, die sich durch das Tal ziehen wie Geschichten, denen man nur folgen muss. Langlaufen mit Kindern? In Hochfilzen ist das ein Wohlfühl-Abenteuer. Die Strecken sind übersichtlich, klar präpariert, und die Stimmung leise, fast meditativ. Jeder Schritt wird damit zu einem kleinen Gedicht.
Aufstieg zu Fuß oder mit dem Skidoo
Wer noch mehr Abenteuer sucht, kann neben der Bahn zu Fuß oder auf Schneeschuhen hochsteigen. Die „fetten“ Schneeschuhe verteilen das Gewicht auf dem Schnee, sodass Kinder und Erwachsene mühelos den Hang erklimmen können. Oben angekommen: Schlitten geschnappt und ab geht’s. Das ist ein Winterspaß, der leicht, sicher und magisch zugleich ist. Wer es bequemer haben möchte, nutzt die Skidoo-Aufstiegshilfe, ein kleines Schneemobil.
Für etwas anspruchsvollere Outdoor-Fans lohnt sich der Aufstieg mit Tourenski und Fellen. Sie greifen in den Schnee, sodass man den Hang hochgehen kann, ohne zurückzurutschen. Perfekt für kleinere Skitouren direkt neben der Bahn, vorausgesetzt, der Schnee ist griffig. Bei verharschten Stellen empfiehlt es sich, eher zu Fuß hochzusteigen.
Hochfilzen ist also nicht nur ein Winterziel, sondern ein Ort, an dem Kinder lachen, Familien Abenteuer teilen und jeder Schritt in der Natur kleine Erfolgserlebnisse schenkt. Ob rodeln, stapfen oder gleiten: Hier wächst die Freude am Winter ganz von selbst.
Im Fairhotel entspannen
Das Fairhotel Hochfilzen, geführt von Hans Eder und seiner Familie, ist mehr als nur ein Ort zum Übernachten. Es ist ein Passiv-Energie-Hotel, gebaut, um Energie zu sparen und die Umwelt zu schonen, und gleichzeitig Wohlbefinden zu schenken. Die Zimmer sind hell, ruhig, klar, und damit perfekt, um nach einem Tag auf den Loipen oder Rodelbahnen zur Ruhe zu kommen. Besonders erwähnenswert sind die Matratzen. Wer hier schläft, spürt sofort, dass guter Schlaf kein Luxus, sondern Programm ist. Kinder kuscheln sich tief hinein, Erwachsene finden nach einem langen Wintertag Entspannung.
Das Zusammenspiel aus klarer Architektur, nachhaltigem Konzept und bewusstem Schlafkomfort macht das Fairhotel zu einem Ort, an dem sich die Ruhe von Hochfilzen noch intensiver anfühlt. Man kommt nicht nur an, man atmet durch und spürt die Energie, die der Ort und das Haus geben.
Biathlon in Hochfilzen
Doch Hochfilzen hat auch ein stolzes zweites Gesicht: jenes des Biathlons, der Sportart, die Präzision und Leidenschaft vereint. In der modernen Weltklasse-Arena trainiert die österreichische Nationalmannschaft, hochkonzentriert, durchdrungen von Ehrgeiz und Präzision. Wenn man Glück hat, sieht man sie auf der Weltklasse-Biathlonanlage ihre Runden ziehen, das schnelle Atmen im Frost, das Klicken der Ski, die ruhige Hand am Schießstand. Und plötzlich begreift man: Dieser Ort ist nicht nur ein Urlaubsdorf. Er ist eine Bühne für Meisterschaft.
Seit vielen Jahren finden hier Wettkämpfe der Weltelite statt, packende Rennen, bei denen ganze Täler den Atem anhalten. Wenn die Fans anrücken, die Fahnen flattern und die Berge widerhallend applaudieren, verwandelt sich Hochfilzen in ein sportliches Herzstück Europas. Für Kinder ist das wie ein Märchen, das sie zum Greifen erleben können. Sie sehen, wie Profis trainieren, kämpfen, jubeln, verlieren und wieder aufstehen. Sie sehen ihre Helden nicht im Fernsehen, sondern in der klaren Winterluft, vielleicht nur ein paar Meter entfernt.
Stille Umgebung, perfekte Ruhe
Hochfilzen
Und rundherum? Die Landschaft ist ein Geschenk. Sanfte Hügel, mächtige Gipfel, weite Täler, kleine Höfe, gute Küche, fröhliche Menschen. Spazierwege, die sich durch verschneite Wälder ziehen, Hütten, in denen die Suppe nie besser schmeckt als nach einem Wintertag, Ausflugsmöglichkeiten in die Kitzbüheler Alpen, die vor Schönheit fast überquellen. Hochfilzen ist ein Ort, an dem Familien ankommen. An dem Kinder wachsen. An dem der Winter kein fremder Gast ist, sondern ein Freund, der einlädt zum Spielen, Lernen, Staunen. Ein Ort, der sanfte Erinnerungen stiftet und gleichzeitig mit dem Feuer des Biathlons lodert.
Die Geschichte beginnt im Mittelalter
Schon im Mittelalter tauchte Hochfilzen in Urkunden auf. Damals war es noch ein abgelegener Weiler, in dem die Menschen von Landwirtschaft lebten, von harter Arbeit und einem Leben im Rhythmus der Jahreszeiten. Die Gegend war lange Zeit so abgeschieden, dass man fast sagen kann: Das Dorf hat sich seine Seele bewahrt, weil es von der Welt nicht überrannt wurde.
Im 17. und 18. Jahrhundert war es ein wichtiger Standort für den Holzabbau, die Wälder rundherum waren reich und boten Brenn- wie Bauholz. Später, im 19. Jahrhundert, begann der Abbau von Erzen. In Hochfilzen wurde Magnesit abgebaut, der für die Industrie wichtig war. Noch heute lassen sich mit geschärften Augen Spuren davon in der Landschaft finden.
Und dann gibt es ein Kapitel, das man nicht verschweigen sollte: Während des Zweiten Weltkriegs befand sich in Hochfilzen ein Außenlager des KZ Dachau. Mahnmale erinnern als stille Zeugen daran, dass Schönheit und Schrecken manchmal dicht beieinander liegen. Die Gemeinde setzt sich heute dafür ein, dass diese Geschichte nicht vergessen wird.
Schneesichere Lage in Tirol
Nach dem Krieg wandte sich Hochfilzen langsam dem zu, wofür es heute berühmt ist: dem Wintersport. Die Höhenlage macht das Dorf zu einem der schneesichersten Orte Tirols, und so wuchs es vom Bergbauerndorf zur sportlichen Bühne heran. Der Biathlon, einst Randerscheinung, wurde hier zu einem Markenzeichen und brachte der Gemeinde sogar die Biathlon-Weltmeisterschaften (1998, 2005 und 2017). Seitdem ist Hochfilzen ein Name, den die Wintersportwelt mit Respekt ausspricht.
Die Umgebung ist ein Kranz aus Dörfern, Bergen und Geschichten
Rund um Hochfilzen liegen Orte, die wie kleine Geschwister wirken, jeder von ihnen mit seinem eigenem Charakter:
Fieberbrunn
Direkt nebenan, ein quirliges, sportliches Tal mit der berühmten Streubödenbahn und dem Skicircus Saalbach-Hinterglemm-Leogang-Fieberbrunn. Perfekt für Ausflüge, größere Skitage und kleine Abenteuer abseits der Loipe.
Leogang
Nur ein paar Kilometer entfernt ist es rauer, steiniger, dramatischer. Die Leoganger Steinberge ragen wie Wächter in den Himmel. Ein Paradies für Wanderer, Biker, Kletterer und Naturverliebte.
Saalfelden
Ein Städtchen mit Charme und Kultur. Hier trifft Alpenluft auf Musik, denn Saalfelden ist bekannt für sein Jazzfestival. Und für gemütliche Cafés, kleine Läden, Spazierwege, die durch Wälder und am Ritzensee vorbeiführen.
St. Johann in Tirol
Ein lebendiger Ort, ein bisschen größer, ein bisschen mondäner, mit vielen Einkaufsmöglichkeiten. Von dort hat man ein atemberaubendes Panorama auf das wilde Massiv des Kaisergebirges.
Kitzbühel
Die berühmteste Nachbarin liegt nur eine halbe Stunde entfernt. Kitzbühel glänzt, funkelt, lebt zwischen Tradition und Eleganz. Wer mal durch die Altstadt bummelt oder auf dem Hahnenkamm steht, spürt sofort: Das ist alpine Geschichte pur.
Hochfilzen ist mehr als ein Reiseziel
All das macht Hochfilzen mehr als ein Reiseziel. Es ist ein Gefühl: ein leises Flüstern von Geschichte und ein kräftiger Schlag des Sports. Ein Lächeln eines Kindes, das zum ersten Mal allein über eine Piste gleitet. Ein Atemzug kalter Morgenluft, der sich anfühlt wie ein Neuanfang. Ein Platz, an dem sich Familien geborgen fühlen und gleichzeitig spüren, dass hier Großes passiert.
Wer einmal in Hochfilzen war, nimmt mehr mit als Fotos: ein warmes Leuchten im Herzen, das selbst dann bleibt, wenn der Schnee längst geschmolzen ist.
Praktische Informationen für deinen Besuch in Hochfilzen
Anreise
Hochfilzen liegt im Pillerseetal in Tirol, direkt an der Bahnstrecke Salzburg–Innsbruck. Mit dem Zug ist der Ort bequem erreichbar — der Bahnhof liegt mitten im Dorf. Mit dem Auto kommt man über die A10 Tauernautobahn und dann über St. Johann in Tirol.
Beste Reisezeit
Hochfilzen ist schneesicher von Dezember bis März. Wer Biathlon-Weltcup live erleben möchte, sollte den Veranstaltungskalender der Biathlonanlage im Blick behalten — die Rennen finden meist im Dezember statt.
Übernachten
Das Fairhotel Hochfilzen, geführt von Familie Eder, ist ein nachhaltiges Passivenergie-Hotel direkt im Ort — besonders empfehlenswert für Familien.
→ fairhotel.at
Mehr aus Tirol auf Schreibreise
Auch die Passionsspiele in Erl sind einen Besuch wert — ein einzigartiges Kulturerlebnis im Tiroler Unterland.
Die Passionsspiele in Erl: Gelebte Tradition seit 1613
Alle sechs Jahre verwandelt sich der kleine Tiroler Ort Erl, nahe Kufstein, in eine Bühne der besonderen Art: Die berühmten Passionsspiele Erl ziehen Besucher aus aller Welt an. Ihren Ursprung verdanken sie einem Pestgelübde aus dem Jahr 1613. Seit dieser Zeit bringen die Menschen der Region mit großer Hingabe die Leidensgeschichte Christi auf die Bühne.
Diese uralte Tradition ist nicht nur ein fester Bestandteil des kulturellen Lebens in Tirol, sondern auch ein beeindruckendes Zeugnis dafür, wie Glaube, Gemeinschaft und Theaterkunst über Jahrhunderte hinweg Generationen verbinden. Die Passionsspiele von Erl sind heute weit über die Grenzen Österreichs hinaus bekannt und stehen für gelebte Geschichte, Brauchtumspflege und kulturelle Identität.
Der Brennerpass: Historisches Tor durch die Alpen
Der Brennerpass zählt zu den bedeutendsten und zugleich niedrigsten Alpenübergängen und war über Jahrtausende hinweg ein wichtiger Verkehrsknotenpunkt zwischen Nord und Süd. Besonders das Inntal, durch das der grüne Inn gemächlich fließt, bietet eine der bequemsten Routen durch das mächtige Gebirge. Schon die Römer errichteten hier die erste Straße über den Pass, Kaiser Karl zog auf seinem Weg nach Canossa durch das Tal, und bis heute nutzen Händler und Reisende diese Verbindung.
Der Brennerpass ist mehr als nur ein Alpenübergang, er ist das Tor zur italienischen Adria. Über Jahrhunderte hinweg florierte der Handel auf dieser pulsierenden Handelsader. Wein, Getreide, Tuche und Salz fanden den Weg in den Norden, während der Süden im Gegenzug mit Wolle, Pelzen und Honig beliefert wurde. Wo der Handel blühte, gediehen auch Wohlstand und kultureller Austausch.
Krankheiten auf Reisen: Wenn Seuchen über die Alpen kamen
Schon im Mittelalter machten sich Händler auf den Weg über den Brennerpass und andere wichtige Handelsrouten durch die Alpen. Sie transportierten ihre Waren auf Wagen, Karren, Lasteseln oder Pferden. In ihren Bündeln lagen Stoffe, Salz, Wein, Getreide und viele weitere begehrte Handelsgüter.
Doch nicht immer beschränkte sich der Transport auf harmlose Waren. Oft genug reisten auch unsichtbare Gefahren mit: Krankheiten. Pest, Pocken und andere infektiöse Krankheiten verbreiteten sich unbemerkt mit den Menschen, die von Stadt zu Stadt, von Dorf zu Dorf zogen. Die Reiserouten des Handels wurden so auch zu Routen der Seuchenverbreitung.
Krankheiten als unerkannte Begleiter
Niemand wusste damals von Viren oder Bakterien. Die Menschen vermuteten hinter Krankheiten wie der Pest oder den Pocken den Zorn Gottes. Wer krank wurde, galt als von Gott bestraft. Besonders in Zeiten großer Epidemien verstärkte sich dieser Aberglaube.
Wie die Menschen reagierten
Während sich manche in ihr Schicksal fügten, suchten andere nach Wegen, um Gottes Gnade zurückzugewinnen. Messen, Bußgänge und Bittprozessionen wurden abgehalten. Man hoffte, dass durch Frömmigkeit und Demut das Unheil von den Städten und Dörfern abgewendet werden könnte.
Warum sich Krankheiten so rasend schnell verbreiteten, lässt sich heute leicht erklären, damals war es ein Rätsel. Es gab keine Hygiene-Standards, die engen Gasthöfe und Handelswege wurden zu idealen Brutstätten für Seuchen. Niemand wusste etwas über Ansteckung, und die langen Dauern der Reisen ohne jede medizinische Versorgung taten ihr Übriges.
Reisende waren also nicht nur Bringer von Waren, sondern unbewusst auch Überträger von Krankheiten. Besonders entlang bekannter Routen wie dem Brennerpass oder durch das Inntal verbreiteten sich Seuchen schnell.
Das Passionsspielhaus in Erl
Erl: Zwischen Bayern und Tirol, zwischen Glauben und Geschichte
Das kleine Dorf Erl in Tirol liegt nicht nur idyllisch nahe bei Kufstein, sondern auch an einer der wichtigsten Reiserouten zum Brennerpass. Schon seit Jahrhunderten führt der Weg von Norden nach Süden am Inn entlang, damals wie heute teilen sich Autobahn, Eisenbahn, der Fluss und kleine Nebenstraßen das weite, grüne Tal.
Erl ist geografisch besonders gelegen: An drei Seiten von Bayern umgeben, befand sich der Ort immer wieder mitten in umkämpften Grenzregionen. Kein Wunder also, dass auch die großen Katastrophen der Geschichte, wie die Pest und andere Seuchen, hier stets zum Greifen nah waren.
Der Ursprung der Passionsspiele in Erl
Der Schwarze Tod – wie die Pest genannt wurde – prägte das Leben der Menschen tief. Doch wo Furcht herrscht, wächst auch der Wille zum Widerstand, zur Hoffnung, zum Gebet. In Erl fanden die Menschen eine besondere Form, ihrem Glauben Ausdruck zu verleihen: die Passionsspiele.
Ob es die Bauern und Schiffer von Erl waren, die aus eigenem Antrieb begannen, oder ob der Anstoß vom Pfarrer kam – darüber schweigt die Geschichte. Sicher ist nur: 1613 wurden die Spiele zum ersten Mal urkundlich erwähnt. Pilger berichteten von diesem besonderen Schauspiel, das von der Leidensgeschichte Christi erzählte. So begann die bis heute lebendige, offizielle Geschichte der Passionsspiele von Erl.
Erl, der Inn und die Route zum Brennerpass: Ein Ort voller Geschichte
Erls Lage an der alten Handelsroute Richtung Italien brachte nicht nur Wohlstand und Austausch, sondern auch Gefahren. Krankheiten reisten mit den Händlern, Krieg und Konflikt kamen über die Grenze. Doch ebenso kamen Pilger, Gläubige, Händler und Künstler, alle prägten das Leben in diesem kleinen, aber bedeutenden Ort.
Das Passionsspielhaus in Erl inmitten der Berge
Passionsspiele Erl: Gelebte Tradition im Wandel der Zeit
Auch wenn heute die Schrecken von Pest und Krieg weit entfernt scheinen, und immer weniger Menschen an einen zürnenden oder gütigen Gott glauben, halten die Menschen in Erl bei Kufstein unbeirrt an ihrer Tradition fest. Alle sechs Jahre bringen sie ihre Passionsspiele auf die dafür eigens errichtete Bühne.
Die Geschichte vom Leiden und Sterben Jesu Christi ist bekannt. Sein Tod am Kreuz, der Weg dorthin – all das birgt für die meisten Besucher keine Überraschung mehr. Sollte man zumindest meinen. Doch wer glaubt, in Erl gäbe es nichts Neues zu entdecken, der irrt. Regisseur Martin Leutgeb präsentiert die berühmte Geschichte, die jede und jeden auf besondere Weise anspricht und erreicht, neu. Wer war Jesus, dieser Mensch wirklich? Ein Wunderheiler? Ein Rebell? Ein Hoffnungsträger? Die Inszenierung lässt Raum für eigene Gedanken und Fragestellungen. Jede Zuschauerin, jeder Zuschauer – egal ob gläubig oder nicht – kann sich sein eigenes Bild machen.
Besonders berührend sind die zahlreichen Auftritte der jüngsten Passionsspieler:innen. Die Kinder der Aufführung nehmen die Erwachsenen in die Verantwortung. Die kleine Sarah, die sich voller Mut für Jesus Christus einsetzt, wird dabei sinnbildlich zum Symbol unserer Zeit und stellt die eindringliche Frage: Welche Welt hinterlassen wir Erwachsene den nächsten Generationen? Ist diese noch lebenswert?
Spektakuläre Bühne und klanggewaltige Musik
Das Bühnenbild, gestaltet von Hartmut Schörghofer, ist einzigartig: Eine weiße Treppe, die sich diagonal ohne Anfang und Ende über die Bühne erstreckt, steht für den Lebensweg Jesu‘. Ein fragmentierter Berg öffnet und schließt sich als zweites Bühnenelement außerdem je nach Szene. Mittendrin ein 25-köpfiges Orchester, das unter der Leitung von Toni Pfister seine klangvolle Darbietung grandios auf den Punkt bringt.
Komponist Christian Kolonovits hat für die Passionsspiele großartige Musik geschaffen, die an epische Erzählungen erinnert, wie wir sie aus dem Kino kennen. Auch der Chor beeindruckt mit stimmgewaltigen Momenten und es ist kaum zu glauben, dass all das live auf der Bühne passiert.
Gottesdienst im Bühnenbild
Ein sehr besonderes Angebot gibt es an jedem Spielsonntag: Besucherinnen und Besucher können vor der Aufführung der Passion einen Gottesdienst direkt im Bühnenbild erleben. Religiöse Tiefe trifft dabei auf beeindruckende Ästhetik und so wird die Kombination ein spirituelles Erlebnis der besonderen Art.
Warum man sich das gerade in der heutigen Zeit ansehen sollte?
Die Passionsspiele Erl sind sehr viel mehr als Unterhaltung. Sie erzählen von Hoffnung, Liebe und dem Glauben an das Gute – von universellen Gefühlen, die Menschen auf der ganzen Welt verbinden. Außerdem erzählen sie von einer Person, der bereit war, aus freien Stücken für seine Überzeugung zu sterben. Eine Botschaft, die heute aktueller denn je ist und eine, die unter anderem Dank der Passionsspiele in Erl unvergessen bleibt.
Die Zuschauerinnen und Zuschauer werden Teil dieser immer wieder neu erzählten Geschichte – sie werden zu Mitfühlenden, zu Begleiter:innen auf diesem besonderen Weg. Ein wahrer Gänsehaut-Moment ist vor allem die Szene des letzten Abendmahls mit einem halb gesprochenen, halb gesungenen „Vater unser“.
Einzigartige Gemeinschaft
Nirgendwo sonst erlebt man so deutlich den Zusammenhalt einer ganzen Gemeinde. Fast jede Familie in Erl ist an den Passionsspielen beteiligt – als Schauspieler:in, Musiker:in, Helfer:in oder Unterstützer:in. Dieses Gemeinschaftsgefühl überträgt sich auf die Zuschauenden und macht jeden Besuch zu einem besonderen Erlebnis.
Beeindruckend sind überdies auch die farbenprächtigen Kostüme von Juliane Herold: Leuchtendes Gelb für den Hohen Rat, kräftiges Orange für das Volk – so wird die Geschichte visuell greifbar.
Praktische Informationen
Die Passionsspiele Erl werden noch bis 4. Oktober 2025 an zahlreichen Wochenenden aufgeführt. Insgesamt stehen 32 Aufführungen auf dem Programm. Das historische Passionsspielhaus bietet dabei jedes Mal Platz für rund 1.500 Interessierte.
Die große Passion im kleinen Dorf: Das Passionsspielhaus Erl
Zwischen 1956 und 1959 wurde in Erl bei Kufstein das neue Passionsspielhaus errichtet. Eine Münchner Zeitung titelte damals treffend von einer „großen Passion im kleinen Dorf“. Das mag nicht überraschen, denn der Zuschauerraum fasst mit seinen 1.500 Plätzen mehr Menschen, als Erl selbst Einwohner hat – rund 1.450.
Besonders zur Passionsspielzeit zeigt sich die enge Verbindung zwischen Dorf und Bühne eindrucksvoll: Ein Drittel der Bevölkerung steht selbst auf den Brettern, die hier nicht nur die Welt bedeuten, sondern Teil der Dorfgemeinschaft und Identität sind.
Vom Brand zum Neubau: Die Geschichte des Passionsspielhauses Erl
Der Neubau war eine Notwendigkeit, denn das ursprüngliche Passionsspielhaus fiel 1933 einem Brand zum Opfer. Doch die NS-Zeit verhinderte eine schnelle Wiedererrichtung: Die Passionsspiele waren von den Nationalsozialisten verboten. Erst lange nach Ende des Zweiten Weltkriegs wagte man einen Neuanfang.
Bemerkenswert: 26 Jahre lagen zwischen dem Brand und der Einweihung des neuen Hauses – mehr als eine Generation. Für viele Vereine oder Traditionen wäre eine derart lange Pause wohl das Ende gewesen. Nicht aber für die Menschen in Erl.
Hier zeigt sich einmal mehr der Tiroler Eigensinn und der starke Zusammenhalt einer Gemeinschaft, die an ihrer Geschichte festhält und sie zugleich immer wieder neu belebt.
Erl, das Passionsspielhaus und seine Bedeutung bis heute
Das Passionsspielhaus Erl ist heute nicht nur eine Spielstätte für die Passionsspiele. Es ist ein Symbol für den unerschütterlichen Glauben der Erler an ihre Kultur, ihre Tradition und die Kraft des Zusammenhalts.
In Erl beginnt alles mit einer Frage: „Willst du mitspielen?“
Wenn die Vollversammlung des Passionsspielvereins beschließt, dass die Passionsspiele Erl erneut aufgeführt werden, ist der Startschuss gesetzt. In der Regel geschieht das alle sechs Jahre. Mit diesem Beschluss beginnt in Erl eine Phase, die das ganze Dorf betrifft – vom Neugeborenen bis zum Greis. Die Frage lautet stets: „Willst du mitspielen?“
Wer spielt, muss auch Geduld haben – und Haare wachsen lassen
Wer sich für das Mitwirken an den Passionsspielen Erl entscheidet, weiß: Die Aufführung ist kein Wunschkonzert. Die Rollen werden vom Regisseur vergeben, nicht nach Sympathie, sondern nach Eignung, Ausstrahlung und manchmal einfach nach Bedarf der Inszenierung.
Haare und Bärte dürfen wachsen. Ab dem Start der Probenphase bis zum Ende der Aufführungen heißt es für die Mitwirkenden: Keine Friseurbesuche! Ein ganzes Jahr lang werden Haare und Bärte gepflegt, aber nicht gestutzt. Denn Authentizität steht in Erl hoch im Kurs – und ein römischer Legionär mit frischer Rasur wäre einfach undenkbar.
Das Kreuz wartet hinter der Bühne
Im November beginnen in Erl traditionell die Proben für die Passionsspiele. Zu dieser Jahreszeit kann es im ungeheizten Passionsspielhaus empfindlich kalt werden. Immerhin: Der Proberaum lässt sich heizen und bietet den Mitwirkenden zumindest eine erste, wenn auch begrenzte, Wärmequelle.
Doch wer glaubt, dass dort bis zur Premiere ausschließlich geprobt wird, der irrt. Wechseln sie auf die große, kalte Bühne, üben sie ihre Szenen nicht selten in dicker Skikleidung. Ob in dicken Daunenjacken, Mützen oder mit wärmenden Thermohosen, der Weg zur authentischen Darstellung führt in Erl auch mal über frostige Umwege. Die Leidenschaft der Erler für ihre Tradition ist jedoch stärker als die Kälte. Hier heißt es: Zähne zusammenbeißen, proben, weitermachen.
Der Blick reicht weit in den unverkleideten Schnürboden.
Freie Sicht auf das Leiden Christi: Die Bühne der Passionsspiele Erl
Von allen Plätzen im Passionsspielhaus Erl genießen die Zuschauer eine uneingeschränkte Sicht auf das gesamte Bühnenbild. Auch der offene, hölzerne Schnürboden bleibt sichtbar – eine ursprünglich geplante Betondecke wurde nie eingebaut. So rahmt das großzügig gestaltete Sichtfeld die Bühne und lässt das Publikum von überall her mitten im Geschehen teilhaben.
Passionsspiele Erl 2025: Ein Erlebnis zum Vormerken
Aktuell finden die nächsten Passionsspiele Erl statt. Wer dieses besondere Schauspiel live erleben möchte, sollte sich rechtzeitig um Tickets und Unterkunft kümmern.
Ein Ritual nach der Dernière: Der Abschied von Bart und Haar
Nach der letzten Vorstellung, der sogenannten Dernière, kehrt für die männlichen Mitwirkenden wieder der Alltag ein – und mit ihm der Friseur. Die während der gesamten Proben- und Spielzeit sorgsam gepflegten Bärte und Haare werden dann traditionell wieder gekürzt. Ein sichtbares Zeichen: Die Passionszeit in Erl ist beendet.
Praktische Informationen zu den Passionsspielen Erl
Wann finden die nächsten Spiele statt?
Die Passionsspiele in Erl finden alle sechs Jahre statt. Die nächste Aufführungsserie ist für 2031 geplant — es lohnt sich, das im Kalender zu notieren!
Anreise
Erl liegt im Tiroler Unterland, nahe Kufstein, direkt an der Inntalautobahn A12. Mit dem Zug fährt man bis Kufstein und von dort weiter mit dem Bus oder Taxi nach Erl. Das Passionsspielhaus ist gut ausgeschildert.
Tickets und Informationen
Tickets und aktuelle Informationen gibt es direkt auf der offiziellen Website der Passionsspiele Erl:
→ passionsspiele-erl.at
Mehr aus Tirol auf Schreibreise
Wer Tirol weiter entdecken möchte: Hochfilzen ist ein wunderbares Winterziel — schneesicher, familienfreundlich und mit einer bewegenden Geschichte.
Opfermoor Vogtei: eine geheimnisvolle Kultstätte im Herzen Deutschlands
Im Herzen Deutschlands, unweit des geografischen Mittelpunkts unserer Nation, verbirgt sich eine der faszinierendsten archäologischen Entdeckungen Mitteleuropas: das Opfermoor Vogtei. Zwischen den Ortschaften Ober- und Niederdorla im thüringischen Unstrut-Hainich-Kreis liegt ein Ort, der seit über 2.600 Jahren die Geheimnisse unserer germanischen Vorfahren bewahrt. Was 1957 durch einen Zufall beim Torfstechen entdeckt wurde, entpuppte sich als spektakuläre Zeitreise in die mystischen Riten und Opferzeremonien der Germanenstämme.
Opfermoor Vogtei
Lange bevor die ersten christlichen Glocken über die Felder hallten, war hier ein heiliger Platz für Kulte, Rituale und Opfergaben. Archäologen fanden in den dunklen Tiefen des Moores gut erhaltene Holzidole, Waffen, Schmuck, ja sogar Reste von Booten als stumme Zeugen vergangener Glaubenswelten. Die Kelten, die Germanen, selbst slawische Gruppen nutzten das Opfermoor als Kultstätte. Bis heute weiß niemand genau, welche Riten hier praktiziert wurden, doch die Funde erzählen von Ehrfurcht, Opfermut und einer tiefen spirituellen Verbindung zwischen Mensch und Natur.
Eine Entdeckung, die alles veränderte
Die Geschichte des Opfermoores beginnt mit einem gewöhnlichen Arbeitstag im Jahr 1957. Beim Torfstechen stießen Arbeiter auf rätselhafte Holzstrukturen und Gegenstände, die sich als Relikte einer außergewöhnlichen Kultstätte erwiesen. Was zunächst wie ein Zufall anmutete, entwickelte sich zu einer der bedeutendsten archäologischen Entdeckungen des 20. Jahrhunderts in Deutschland. Die Fundstätte erwies sich als besterhaltener Komplex germanischer Kultpraktiken in ganz Mitteleuropa.
Opfermoor Vogtei
Die Ausgrabungen legten ein faszinierendes Panorama germanischer Religiosität frei: Über 80 eingehegte Heiligtümer fanden die Archäologen im Moor. In ihnen legten mindestens 40 aus Holz gefertigte Götterbilder stummes Zeugnis von vergangenen Zeiten ab. Diese Funde sind einmalig im mitteleuropäischen Raum und stellen eine archäologische Sensation dar, die weit über die Grenzen Deutschlands hinaus Beachtung findet.
Die mystischen Riten der Germanen
Opfermoor Vogtei
Das Opfermoor war über Jahrhunderte hinweg ein Ort intensiver ritueller Aktivitäten, die bis ins Jahr 600 vor Christus zurückreichen und über Jahrhunderte hinweg vollzogen wurden. Funde belegen, dass hier sowohl Tier- als auch Menschenopfer dargebracht wurden. Die Germanen verstanden das Moor als heiligen Ort, als Übergang zwischen der Welt der Lebenden und der Welt der Götter. In den sumpfigen Gewässern sahen sie Portale zu anderen Welten, durch die sie mit ihren Gottheiten in Kontakt treten konnten. Die Opfergaben, von wertvollen Waffen und Schmuck bis hin zu Tieren und Menschen, sollten die Götter gnädig stimmen und den Stamm vor Unheil bewahren.
Archäologische Schätze und ihre Geschichten
Die Ausgrabungen förderten eine Vielzahl außergewöhnlicher Artefakte zutage. Neben den hölzernen Götterbildern, die trotz ihres Alters erstaunlich gut erhalten sind, fanden die Archäologen Waffen, Schmuck, Werkzeuge und Gegenstände des täglichen Lebens. Jedes Fundstück erzählt seine eigene Geschichte und gewährt Einblicke in das Leben und die Glaubenswelt unserer Vorfahren. Besonders bemerkenswert sind dabei die Erkenntnisse über die Siedlungsstrukturen der damaligen Zeit. Die Funde belegen, wie die Menschen in mehrpfostigen Grubenhäusern lebten, die mit Schilf oder Stroh abgedeckt waren. Diese Wohnformen zeigen die pragmatische Anpassung der Germanen an ihre Umgebung und ihre handwerklichen Fähigkeiten.
Freilichtmuseum mit Gänsehaut-Garantie
Opfermoor Vogtei: rekonstruiertes Langhaus
Heute kannst du durch das rekonstruierte Areal des Opfermoors gehen. Das Freilichtmuseum Vogtei bei Niederdorla gibt Einblicke in die Lebenswelt vergangener Zeiten. Über das Gelände verteilt stehen nachgebaute Tempelanlagen, Häuser und Kultplätze, alle liebevoll nach archäologischen Vorbildern rekonstruiert. Eine Siedlung aus dem 3. Jahrhundert nach Christus wurde hier rekonstruiert. Du kannst ein authentisches Langhaus besuchen: Hier wohnten ursprünglich die Menschen mit ihren Tieren unter einem Dach. Auch die detailgetreuen Nachbauten dreier Grubenhäuser vermitteln einen Eindruck vom Leben in der Vergangenheit.
Doch es ist nicht nur ein Ausflug in die Historie, sondern ein sinnliches Erlebnis:
Du riechst das Holz alter Hütten, spürst das Wispern des Windes über den Moorflächen und stehst plötzlich vor den imposanten Holzidolen, die stumm in den Himmel blicken — Symbole uralter Götter, die lange vor den ersten Kirchen über diese Landschaft wachten. Es ist ein Ort, der sich ins Gedächtnis brennt.
Opfermoor Vogtei: Das Museum
Für Familien, Geschichtsbegeisterte und Reisende auf der Suche nach dem Besonderen bietet das Museum Workshops, Führungen und lebendige Reenactments vom keltischen Handwerk bis zu mystischen Ritualdarstellungen.
Die wichtigsten Funde werden im Museum selbst präsentiert und erklärt. So werden die komplexen Zusammenhänge zwischen Kultpraktiken und Alltagsleben leicht verständlich. Die Ausstellung vermittelt nicht nur Wissen, sondern schafft auch eine atmosphärische Verbindung zu unseren Ahnen.
Deutschlands magische Mitte: der geografische Mittelpunkt
Mittelpunkt von Deutschland
Nur einen Steinwurf entfernt liegt mit dem offiziell markierten geografischen Mittelpunkt Deutschlandsein weiteres Highlight der Region. Ein unscheinbarer Obelisk markiert die Mitte, symbolisch aufgeladen, inmitten von Feldern und sanften Hügeln.
Viele Besucher berichten, sie spüren hier eine besondere Energie, als würde die Landschaft selbst den Herzschlag des Landes tragen. Vielleicht liegt es an der Geschichte, vielleicht an der Mystik des Ortes oder daran, dass hier Kulturen und Zeiten aufeinandertreffen.
Die Germanen wählten ihren Ort nicht zufällig: Schon damals lag das Opfermoor zentral im heutigen Thüringen und an einem wichtigen Knotenpunkt verschiedener Stammesgebiete. Die mystische Atmosphäre der Landschaft um Niederdorla verstärkt die Faszination dieses Ortes. Weite Ebenen, durchzogen von Bächen und Feuchtgebieten, schaffen eine Landschaft, die seit Jahrhunderten unverändert zu sein scheint. Hier spürt man noch heute die Verbindung zur Natur, die für die Germanen so zentral war.
Mühlhausen: Stadt der Türme, Rebellion und Reformation
Von Vogtei führt der Weg nur wenige Kilometer nach Mühlhausen, der historischen Reichsstadt, die sich mit Stolz die “Stadt der Türme” nennt. Das ist kaum verwunderlich, wenn du die Silhouette der elf mittelalterlichen Kirchen betrachtest, die sich in den Himmel recken und dazu die vielen Türme der Stadtmauern.
Thomas Müntzer vor dem Rabenturm
Doch Mühlhausen in Thüringen ist weit mehr als nur Fachwerkromantik. Die Stadt war ein Zentrum der Reformation und der Bauernkriege, ein Schauplatz, an dem Geschichte geschrieben wurde. Hier wirkte Thomas Müntzer, radikaler Reformator, Revolutionär und charismatischer Prediger. 1525 setzte er in der Stadt den Ewigen Rat ein, und stand an der Spitze der Bauernaufstände. Er kämpfte für Gerechtigkeit und soziale Gleichheit und wurde am Ende nach der Schlacht bei Bad Frankenhausen in Mühlhausen durch das Schwert gerichtet.
500 Jahre später erinnern zahlreiche Veranstaltungen, Museen und Ausstellungen an diese so lange vergangene Zeit. Die Spuren Müntzers führen von der imposanten Marienkirche bis zum Bauernkriegsmuseum durch die gesamte Altstadt.
Die Mauern Mühlhausens atmen den Geist von Freiheit, Kampf und Veränderung und sind damit ein faszinierendes Pendant zur archaischen Spiritualität des nahegelegenen Opfermoors.
Mühlhausen richtet 2025 gemeinsam mit Bad Frankenhausen eine Thüringer Landesausstellung aus, die unter dem Titel “freiheyt 1525 – 500 Jahre Bauernkrieg” an die dramatischen Ereignisse erinnert. Diese Ausstellung beleuchtet Thomas Münzers Wirken und die Bedeutung des Bauernkriegs für die deutsche Geschichte. So verbindet sich am geografischen Mittelpunkt Deutschlands die mystische Welt der Germanen mit den revolutionären Umbrüchen der Reformationszeit.
Die Christianisierung beendete die Opferkulte
Opfermoor Vogtei
Mit der beginnenden Christianisierung endeten die heidnischen Opferrituale im Moor. Die neuen Glaubensvorstellungen verdrängten alte Götter und Riten, doch die Spuren dieser frühen Religiosität blieben im Torf konserviert. So wurde das Moor zum Archiv einer versunkenen Welt, die erst 1957 wieder ans Tageslicht kam.
Die Christianisierung markierte einen Wendepunkt in der Geschichte dieses Ortes. Wo einst die Germanen ihre Götter verehrten und Opfer darbrachten, etablierten sich christliche Gemeinschaften. Doch die Macht des Ortes blieb bestehen und die spirituelle Ausstrahlung der Landschaft wirkte auch auf die neuen Bewohner.
Wissenschaft und Moderne Archäologie
Die moderne Archäologie hat das Opfermoor von Niederdorla zu einem Leuchtturm-Projekt gemacht. Mithilfe neuester Technologien können Wissenschaftler heute die Funde detailliert analysieren und gewinnen damit immer neue Erkenntnisse über das Leben der Germanen. Dendrochronologie, Pollenanalysen und andere naturwissenschaftliche Methoden ergänzen die traditionelle Archäologie.
Diese interdisziplinäre Herangehensweise ermöglicht es, ein umfassendes Bild der germanischen Kultur zu zeichnen. Die Forscher können heute nicht nur die Artefakte selbst interpretieren, sondern auch das Klima, die Vegetation und die Umweltbedingungen der damaligen Zeit rekonstruieren.
Natur trifft Mythos – Wandern zwischen Himmel und Moor
Rund um das Opfermoor und Mühlhausen erstreckt sich eine idyllische Landschaft aus Feldern, sanften Hügeln und uralten Pfaden. Für Wanderer und Ruhesuchende bieten sich zahlreiche Wege, ob ein Spaziergang zum Mittelpunkt Deutschlands, eine Moorwanderung oder ein Ausflug zu den sagenumwobenen Quellen und alten Baumalleen der Umgebung.
Gerade in den frühen Morgenstunden oder im Nebel des Herbstes entfaltet das Moor seinen ganz eigenen Zauber: geheimnisvoll, still, beinahe entrückt von der Gegenwart.
Vielleicht spürst du dann die leise Ahnung von den Stimmen vergangener Zeiten, von uralten Ritualen, von Menschen, die hier um das Wohl ihrer Gemeinschaft baten, Opfer brachten, in der Hoffnung auf Fruchtbarkeit, Schutz und Glück.
✨ Warum du das Opfermoor und Mühlhausen erleben solltest
Diese Region erzählt Geschichten, die unter die Haut gehen:
• Archäologie hautnah: Kultstätten und Funde aus 2000 Jahren
• Mystik und Spiritualität: spürbar an einem der ältesten Kultplätze Deutschlands
• Historische Spannung: die Bauernkriege, Müntzer und der Kampf um Freiheit
• Naturidylle: Moorlandschaften, Wanderwege und der geografische Mittelpunkt
• Authentische Erlebnisse: Museen, Führungen, Veranstaltungen für Groß & Klein
Ob du die Geheimnisse des Moores entdecken willst, die Geschichte Thüringens atmen oder einfach inmitten von Natur und Kultur den Alltag hinter dir lassen möchtest: das Opfermoor Vogtei und Mühlhausen entführen dich auf eine Reise durch Zeit und Raum.
Vielleicht findest du dort nicht nur historische Schätze, sondern auch ein Stück von dir selbst in der stillen Mitte Deutschlands, wo die Erde Erinnerungen bewahrt und das Moor Geschichten flüstert.
Praktische Informationen zum Opfermoor Vogtei
Anreise
Das Opfermoor Vogtei liegt bei Niederdorla im Unstrut-Hainich-Kreis in Thüringen, unweit von Mühlhausen. Mit dem Auto kommt man über die A38, Abfahrt Mühlhausen. Der Ort ist gut ausgeschildert.
Öffnungszeiten und Eintritt
Das Freilichtmuseum ist von April bis Oktober geöffnet. Aktuelle Öffnungszeiten und Eintrittspreise findest du direkt auf der Website:
→ opfermoor.de
Tipp
Plane mindestens zwei Stunden ein — das Gelände ist weitläufig und der geografische Mittelpunkt Deutschlands liegt nur wenige Gehminuten entfernt. Eine Kombination mit einem Besuch in Mühlhausen lohnt sich sehr.
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11.000 Jahre alt ist die Geschichte der Menschen in Kappadokien. Sie erzählt von Steinzeitmenschen, Seldschuken, Römer, Griechen, Frühchristen, Türken, Armenier, Griechen. Als Tacitus von den Germanen behauptete, sie lägen noch auf Bärenhäuten, zog durch Kappadokien alles, was damals Rang und Namen hatte. Quer durch das Land führte die Seidenstraße, und weil die kilikische Pforte der einzige Weg durch das Taurus-Gebirge ist, auf dem sich die anatolische Hochebene einigermaßen bequem besteigen lässt, zogen Händler und Eroberer gleichermaßen hier durch.
Die Menschen in Kappadokien hatten sich bereits vor den Türken und der Invasion durch Touristen bereits daran gewöhnt, dass aus allen Richtungen Fremde durch ihr Land zogen: Aus dem Osten kamen Perser, aus dem Südosten zuerst Araber, später Türken, aus dem Westen Griechen, Römer und Kreuzritter, und aus dem Norden wilde Reiter vom Schwarzen Meer.
Irgendwie lag somit Kappadokien immer auf dem Weg, und war damit alles andere als Provinz. Hier trafen Kulturen, Religionen und Völker aufeinander.
Die unterirdische Stadt
Kappadokien
Heute dagegen sieht Kappadokien nach Hinterland aus: Nichts los und davon viel. Doch nicht alle, die durch das Land zogen, waren friedlich unterwegs. Deswegen brachten sich die Menschen bei Bedarf in Sicherheit. Sie gruben Fluchträume aus weichem Tuffstein, und verschwanden darin, sobald Perser oder Römer im Anmarsch waren. Das letzte Mal benutzten die kappadokischen Bauern 1838 eine solche unterirdische Fluchtburg, als die Ägypter kamen. Später gerieten diese in Vergessenheit und wurden nur zufällig wieder entdeckt, erzählt der Reiseführer.
Eingang zur unterirdischen Stadt in Kappadokien
Viele Meter tief, bis zu acht Stockwerken, reichen manche dieser unterirdischen Bauwerke. Die Größenordnung ist immens und in ihnen waren die Menschen für eine ganze Weile sicher. Es gab Ställe, Vorratsräume, Latrinen, Kirche, alles, was für ein unterirdisches Leben notwendig war. Gut, die Aussicht war nicht so besonders. Die Gänge waren schmal, manche ziemlich steil, vor allen Dingen an vielen Stellen unbequem zu laufen. Damit waren sie auch schwer zu erobern, falls einer der Invasoren sich fragen sollte, wo die ganzen Bewohner denn so abgeblieben waren und auf die Suche ging.
Ein unspektakulärer Eingang
Mit Steinen verschließbar: Gänge in der unterirdischen Stadt in Kappadokien
Der Eingang zur unterirdischen Stadt war unspektakulär. Es ging einen schmalen, staubigen Pfad entlang, zu einer Hütte mit Vorplatz und einer schmalen Türöffnung, die sich nicht von den Türöffnungen der umliegenden Behausungen zu unterscheiden schien. Der erste Raum war nur durch diese Tür zu betreten und völlig fensterlos. Eine Scheune, erklärt Ertan. Es ging weiter, durch Räume, enge Gänge, schmal und niedrig. Oft geht es nur ganz langsam weiter, so trippelschrittchenweise, der Blick reichte nicht weit und die Beleuchtung war eher schummerig. Wie mag das erst gewesen sein, als es weder Strom, noch Glühbirnen, sondern nur Kerzen, Fackeln und Öllämpchen gab? Wer Angst hatte, Angst vor der Enge, der bleibe besser draußen, hatte Ertan, uns gewarnt. Es gab Lüftungslöcher, und Rinnen, die in Zisternen führten. Kein Ungeziefer wage sich hier herein, sagte Ertan, weder Ratten, noch Fledermäuse.
Schmale Gänge
Große runde Steine standen in Nischen bereit. Im Ernstfall der Verteidigung konnten sie wie in einer Laufschiene vor die Türen gerollt werden und riegelten den schmalen Gang ab. Mit Loch in der Mitte, nicht als Türspion, zum Gucken, sondern dafür, dass ein Speer den Angreifer empfindlich im Bauch pieken konnte. An den Seiten und in der Decke gab es dazu auch solche Löcher. Eine Theorie besagt übrigens, dass diese unterirdischen Städte weniger zur Flucht, denn zur Verteidigung dienten. Wer von der kilikischen Pforte kam, musste an ihnen vorbei Spießruten laufen. Siedlungen sind hier oben auf der Hochebene, so ohne Wasser, Bäume und Sträucher, generell eher unbequem. Da waren (und sind) die Täler, die weiter unten liegen, wesentlich attraktiver.
Der Burgberg von Uchisar
Burgberg von Uchisar
Manchmal flüchteten die Menschen in Kappadokien jedoch nicht unter die Erde, sondern bauten ihre Festung direkt in den Berg hinein – und konnten damit ihre Umgebung überblicken. Wie ein überdimensionierter Ameisenhaufen mit vielen kleinen Löchern, so sieht der Burgberg von Uchisar aus. Manche Löcher zeigen Räume, denen quasi die Außenmauer fehlt. Beweis dafür, dass der Berg früher noch größer gewesen sein muss. Von oben ließ sich gut beobachten, wer unten vorbeizog. Waren es Freunde, konnten sie auf Leitern hinaufgebeten werden. Waren es Feinde, mussten sie unten bleiben. Einige der Höhlen sind noch bewohnt, in einem kleineren Berg haben die Bewohner ein Café eingerichtet.
Leere Häuser auf dem Weg zum Burgberg.
Auf dem Weg zum Burgberg stehen leere Häuser, halb verfallen, mit filigranen Ornamenten um den Fenstern. Da wohnten Griechen, erklärt unser Reiseführer. Seit diese 1923 vertrieben wurden, stehen die Häuser leer. Damals mussten alle Griechen in der Türkei ihre Sachen packen und nach Griechenland ziehen. Die Türken, welche bis dahin in Griechenland lebten, kamen dafür zurück. So waren wieder alle Nationalitäten hübsch sortiert, jeder dorthin, wo er ursprünglich hingehörte. Weil aber weniger Türken kamen, als Griechen wegzogen, blieben viele Häuser leer. Bis heute. Dazu kam, dass es in vielen Orten dann weder Lehrer, noch Apotheker oder Arzt gab, Berufe vieler Griechen. Dafür kamen Türken, die weder lesen noch schreiben konnten. Bis aus den Daheimgebliebenen und den Rückkehrern gute Nachbarn wurden, das dauerte – und dauert wohl manchmal noch bis heute, wie der Reiseleiter erklärte.
Obsidian in Uchisar
Obsidian aus Kappadokien
Rund um Uchisar gibt es Obsidian, Händler bieten ihn als Figürchen an. Entstanden ist er aus einfachem Sand, geschmolzen in vulkanischer Hitze. Sand gibt es wie Sand am Meer. Ist dieser rein, ist er chemisch Siliciumdioxid. Erhitzt auf mehr als 1700 Grad Celsius, schmilzt er und es entsteht beispielsweise Glas. In den türkischen Vulkanen war es heiß genug, Steine und Sand schmolzen gleichermaßen und flossen als Lava. Kühlt solch geschmolzener Sand schnell ab, wird manchmal schwarzer Obsidian daraus. Ähnlich wie Feuerstein lässt sich Obsidian mit einem anderen Stein bearbeiten, springt auseinander, und bildet scharfe und muschelförmige Bruchkanten. Menschen der Frühzeit nutzten Klingen aus Obsidian und verwendeten Splitter daraus für Speere und Pfeile, lange bevor sie lernten, Metall zu schmelzen.
Die Römer polierten später Obsidian so lange, bis sie sich in ihm spiegeln konnten.
Fantasyspieler kennen ebenfalls Obsidian: In ihren Welten dürfen Magier nur Dolche aus Obsidian zum Kampf nutzen, Waffen aus Metall würden dagegen ihre Zauberkraft behindern. Heutzutage wird der Obsidian zu Schmuck oder zu Figürchen verarbeitet. Und Esoteriker mögen ihn: Er gilt bei ihnen als Stein, der erste Hilfe leisten kann, weil er sowohl Schock, als auch Angst und Blockaden lösen soll. Er soll bei Wundheilung sowie gegen Raucherbein und kalte Füße helfen. Außerdem soll Obsidian die Wahrnehmung verstärken, so dass Menschen verdrängtes erinnern können und hellsichtig werden.
Die Kirchen in den Bergen von Göreme
Kirchen in Kappadokien
Die Berge sind, genau wie der Boden, aus weichem Stein. Wer eine Wohnung braucht, nimmt Meißel und Hammer, auch wenn ein neuer Schrank, ein Regal oder ein Bett gewünscht wird. So halten es die Menschen in Kappadokien schon lange, auch die Christen, die einst auf der Flucht vor Verfolgung hier eine neue Heimat fanden.
Nach Jesus Tod war das Leben für Maria nicht einfach, so wie für alle, die an ihn geglaubt hatten. Jetzt sollten bitte alle wieder ganz normale Juden sein, die Römer herrschten, und die Pharisäer scheffelten in ihren Tempeln das Geld. Irgendwie wollten das jedoch nicht alle, und suchten eine Gegend, in der sie ungestört leben, beten und den Menschen von Jesus erzählen konnten. Im Tal von Göreme fanden sie einen Ort – und genügend Felsen. In ihnen wurden im Lauf der Zeit viele kleine Kirchen, aber auch Klöster und Einsiedlerzellen gemeißelt. Selbst die Nischen fürs Geschirr, Tische und Bänke in den Refektorien und andere Einrichtungen sind aus Stein gehauen.
Christen wohnten hier vom 4. bis zum 13. Jahrhundert, besiedelten Kirchen und Klöster. Zunächst war die Geschichte der Evangelien wie in bunten Comics auf den Kirchenwänden verewigt, dann gab es darüber Streit – und die Gesichter wurden so weit ausgekratzt, so hoch die Eiferer mit ihren Armen reichten. Später wurde es ruhig um Göreme, alles geriet ein wenig in Vergessenheit, über dem dürres Gras wuchs, gelegentlich von Schafen und Ziegen benagt.
Weltkulturerbe Höhlenkirchen
Kirchen in Kappadokien
Heute ist hier Weltkulturerbe, alles darf beguckt werden, man kann fast mit der Nase an den Wänden riechen. Weil niemand mehr weiß, ob die Kirchen ursprünglich überhaupt einen Namen hatten, oder ob sie nach denen benannt wurden, die hier wohnten, kochten, arbeiteten, stritten, sich liebten, was auch immer, wurden sie nach ihren Eigenheiten benannt. Es gibt die Apfelkirche, die Spangenkirche, die Sandalen-Kirche, die Schlangenkirche und die Schwarze Kirche, in der die Bilder am schönsten, am farbigsten erhalten waren, einfach weil nur durch ein winzig kleines Fenster in der Felswand Licht hinein kam. Selbst die Tür war so gebaut, dass es erst in einen Vorraum ging und dann noch einmal um die Ecke, so dass wirklich wenig Luft und Licht in den Raum kam.
Das Tal der Mönche
Kappadokien Tal der Mönche
Der weiche Stein, dessen Ursprung in vulkanischer Tätigkeit liegt, wurde nicht nur von den Menschen, sondern auch von Wind und Wetter geschaffen. Daher sehen die Säulen mit ihren Mützchen so aus, als seien sie zu Stein erstarrte Mönche, ihre Kapuzen für immer über das Gesicht gezogen. Feenkamine werden sie genannt, und sie blieben dort stehen, wo ein härteres Lavamützchen die butterweichen Steinschichten schützte und sie damit nicht von Wind und Wetter abradiert wurden.
In einigen der Säulen sind Räume, in denen einst Einsiedler wohnten. Hinauf ging es nur mittels Leiter. Sie zogen in die Einsamkeit, weil ihnen schon damals schon die Welt zu viel war, die Menschen um sie herum. Was würden diese Eremiten heute sagen, in unserer Zeit, in der jeder ständig und überall erreichbar sein muss?
Einsiedler im Tal der Mönche
Kappadokien Tal der Mönche
Eine Kapelle ist St. Simeon geweiht. Er lebte als Einsiedler im 5. Jahrhundert in der Nähe von Aleppo. Doch schon damals machte ein solch zurückgezogenes Leben Menschen neugierig. Wie lebt jemand so ohne Schwätzereien und alleine? Wer sich seinen Mitmenschen entzieht, gibt deren Phantasie Nahrung. Deswegen kamen neugierige Frauen auf die glorreiche Idee, dass Simeon Wunder wirken und heilen könne. Grund genug, zu ihm zu pilgern – und ihm, der doch lieber alleine gewesen wäre, auf die Pelle zu rücken. Also hat sich Simeon auf eine Säule gesetzt: 15 Meter näher am Himmel und so weit wie möglich weg von den Menschen. Hier oben konnte er in aller Ruhe meditieren. Zur Erde stieg er nur hinab, wenn er ein wenig essen und trinken musste – seine Verehrer brachten ihm mehr als genug davon. Ob sich Simeon jemals wieder gewaschen hat?
Der Film Simón del desierto (1965), auf deutsch: Simon in der Wüste ist ein Film von Luis Buñuel, den dieser über ebenjenen Säulenheiligen drehte. In diesem ist zu sehen, wie sich der Satan in unterschiedlichen Gestalten nähert und Simeon auf seinem steinernen Hochsitz verführen will: Als Frau im Matrosenanzug und als blonder Hirte mit Locken versucht er noch, Simeon von unten zu locken. Erst beim dritten Mal klettert Satan schließlich als Frau an der Säule hoch und schmust mit Simeon. Doch der Heilige bleibt standhaft, so wie seine Säule und sieht schlussendlich, wie der Böse auf einem Borstentier davoneilt.
Das Tal der steinernen Soldaten
Kappadokien Tal der Soldaten
Es heißt, ein guter Bildhauer weiß, welche Figur sich im Stein verbirgt. In seiner Arbeit mit Hammer, Meißel und Schlageisen zeigt der Künstler seine Schlagfertigkeit, bearbeitet die Blöcke Splitter für Splitter so raffiniert, dass die Skulpturen lebendige Präsenz erhalten. Ovid erzählt in seinen Metamorphosen von Pygmalion, der als Bildhauer die Statue einer Frau schuf und diese dank der Göttin der Liebe sogar lebendig wird.
Ob das für Wind und Wetter auch so gilt? Diese brauchten zwar entschieden länger dafür, bis sie Sandkörnchen für Sandkörnchen von den Statuen entfernt hatten, so ganz ohne anderes Werkzeug, wie es ein Bildhauer gewöhnlich benutzt. Aber wenn ein Bildhauer nur pusten würde, bräuchte er ebenfalls länger, als sein Leben dauert. Immerhin schufen Wind und Wetter im Lauf der Jahrmillionen im Tal der Steinernen Soldaten einen ganzen Skulpturenpark.
Kappadokien Tal der Soldaten
Wie in den ständig wechselnd vorüberziehenden Wolken am Himmel lassen sich mit ein wenig Phantasie in den Steinen Figuren entdecken, eine Madonna, miteinander schwätzende Weiber und ein ruhendes Kamel. Wie lebensecht das Kamel von Wind und Wetter aus dem Stein geschmirgelt wurde, zeigt der Zaun um den Stein herum, der Besucher hindert, in den Sattel zu steigen. Die Schuhe der Touristen graben ebenso geschwind wie deren Finger so tiefe Rillen in den weichen Stein, dass von dem Kamel in Nullkommanix mehr übrig bliebe.
König Krösus kämpfte in Kappadokien
Der Name des Tals erinnert an eine ferne Vergangenheit. Ob sich alles so zutrug, wie überliefert? Einst fragte König Krösus, der für seinen Wohlstand und seine Freigebigkeit so bekannt war, dass sein Name als Synonym bis heute für spendable Menschen gilt, das berühmte Orakel von Delphi. Dessen Weissagung: „Wenn du den Halys überschreitest, wirst du ein großes Reich zerstören“, interpretierte Krösus so, als sei der Sieg sicher und zog gegen die Perser.
Kamel in Kappadokien
Den Halys überquerend, kam Krösus in das von ihnen regierte Kappadokien. Im Tal der Steinernen Soldaten trafen die Lyder und die Perser in einer Schlacht aufeinander, von der es bei Herodot heißt: „Als Phraortes tot war […] und Kyaxares gegen die Lyder stritt, dazumal, als mitten im Streit Nacht ward aus dem Tag […] Die Sage erzählt, dass sich die Sonne verfinsterte und somit die Schlacht unterbrach. Schließlich galt in der Antike eine Sonnenfinsternis als unheilbringendes Zeichen, vorausgesagt von Thales von Milet. Als diese tatsächlich eintraf, ließen die Kämpfer voneinander ab und schlossen Frieden. Jedenfalls vorerst, denn später wurde Krösus tatsächlich von den Persern besiegt. Diejenigen Krieger, die weiterkämpften, versteinerten.
Die drei Schönen
Die Drei Schönen in Kappadokien
Vulkane schufen den Boden, auf dem wir heute in Kappadokien unterwegs sind: Längst waren alle Saurier auf der Erde tot und bis auf die Knochen abgenagt, Säbelzahntiger jagten hinter Rüsseltieren her, katzengroße Pferdchen grasten auf weiten Wiesen. Wenn es je ein Paradies gab, dann war es vielleicht hier zu finden. Doch schon damals lag gleich neben dem Paradies die Hölle: Hier waren es die drei Vulkane Erciyes Dağı, Hasan Dağı und Melendiz Dağı, wie sie später genannt wurden.
Ob sich die Vulkanausbrüche mit Rauchzeichen oder kleineren Erdbeben ankündigten, so dass die Tiere fliehen konnten? Es waren heiße Zeiten: Regelmäßig spuckten die drei Vulkane unvorstellbare Mengen an Lava und Asche über Kappadokien. Kühlte die Asche ab, wuchsen rasch neue Wiesen, auf denen Tiere grasten, die nichts von der heißen Hölle ahnten. Immer wieder ließen die Vulkane Magma, Asche und Lava über die Landschaft regnen.
Vulkan in Kappadokien
Aus dem heißen Ascheregen bildete sich Tuff, der immer dann entsteht, wenn das flüssige Magma nicht als glühender Strom aus dem Vulkan fließt, sondern mit hoher Wucht aus dem Krater geschleudert wird. Alles zerstäubt zu staubfeinen bis faustgroßen Brocken, fällt als glühender Regen auf die Erde. Viele Meter hoch legte sich die Vulkanasche über das Land. In den Tälern, die tief in das märchenhafte Land eingeschnitten sind, lässt sich ahnen, wie hoch einst die Erde von heißer Asche bedeckt war.
Vulkane formten die Landschaft
Manchmal schleuderten die Vulkane auch größere Brocken, die sich überall verteilten: Heute bilden diese die kleinen Mützchen auf den einzelnen Stelen. Im Hintergrund des Panoramas ragt der Erciyes Dağı achtungsvoll mit einer kalten Schneehaube empor, wie ein weiser Alter. An seine stürmische Jugendzeit erinnern dagegen die drei Schönen, die im Vordergrund stehen:
Tuffstein
Drei hohe Säulen aus Tuffstein sind mit einem Deckstein bedeckt. Sie wirken wie grob geschnitzte Figuren aus einem Riesentheater, stumme Zeugen einer heißen Vergangenheit, die in Jahrmillionen von Wind, Regen, Hitze, Kälte oder Sturm aus dem Stein geschaffen wurden. Dank der Kappe, die aus einem härteren Material besteht, wurden sie vor der Erosion geschützt.
Immer noch wirken Wind und Wasser an den Steinen, schmirgeln Körnchen für Körnchen heraus, lassen alte Feenkamine einstürzen und legen an anderen Stellen neue frei. Manche sind über siebzig Meter hoch, höher als ein Riesenrad. Andere sind kleiner. Manche sind spargeldünn, andere zwanzig Meter stark. Schroffe Falten liegen neben spitzen Felsnadeln. In manche dieser Schluchten kann man ein Stück weit hineingehen, bevor die Felswände so dicht aufeinanderrücken, dass kein Durchkommen mehr möglich ist.
Das letzte Mal brach der Hasan Dagi übrigens vor rund 9000 Jahren aus. Erdgeschichtlich gesehen ist das wie vorgestern.
Ein bunter Abend
So spannend die Landschaft in Kappadokien ist, so spannend sind auch die Begegnungen mit den Menschen, die dort leben. Daher ist ein türkischer Abend geradezu Pflicht. Was macht ein türkischer Mann, wenn eine Bauchtänzerin so lange vor ihm tanzt, bis er Trinkgeld gibt? Sollte er alleine oder in Gesellschaft anderer Männer unterwegs sein, genießt er. Schaut. Und wartet. Faltet einen Geldschein, klemmt ihn zwischen seinen Zeige- und Mittelfinger und wartet, bis die Tänzerin nahe genug an ihn herangekommen ist: Dann lupft er nur ein ganz kleines bisschen mit dem Ringfinger den BH-Träger der Tänzerin.
Nur ein bisschen und damit meine ich: Ein BH-Träger ist schließlich keine Bogensehne! Er lupft ihn so weit, dass er den gefalteten Geldschein darunter schieben kann. Schon kleine Jungen lernen das von ihren großen Brüdern oder ihren Vätern, wenn sie mit ihnen unterwegs sind. Wird der türkische Mann dagegen von seiner Frau begleitet, blinzelt er der Bauchtänzerin höchstens so vorsichtig zu, dass die Frau nichts davon mitbekommt. Offen hinschauen und genießen? Wer keinen ausgewachsenen Ehekrach haben möchte, lässt das, schaut nach unten, zur Seite, zu seiner Frau, irgendwohin, aber niemals, wirklich mit keinem Blick, zur Bauchtänzerin.
Getanzt wird zu jeder Gelegenheit
Ertan gab eine kurze türkische Sittenkunde. Volkstänze wurden traditionell in den Dörfern an Hochzeiten, Feiertagen, zur Verabschiedung der Rekruten, zu Siegesfeiern, kurz: Immer, wenn es passte, aufgeführt. An diesem Abend gab es erst einen langsamen Tanz, der den Ablauf eines türkischen Polterabends widerspiegelte: Der Bräutigam wurde eingeseift und rasiert, die Hände der Braut mit Henna gefärbt. Zum Schluss die Bauchtänzerin. Am Nachbartisch saß ein türkisches Paar, feierte den Hochzeitstag, wie sie erzählten. Die Bauchtänzerin kam, der Mann betrachtete völlig konzentriert seine Fingernägel. Sie tanzte, schüttelte mit ihren Klimperketten, es fehlte nicht viel, und der Mann hätte in seiner Nase gepopelt, nur um zu zeigen, dass ihn der Tanz nicht interessiert. Die Frau dagegen war aufmerksam, schaute genau, wohin der Mann sah.
Bis dieser endlich einen Geldschein aus der Tasche fingerte, faltete, zwischen Zeige- und Mittelfinger klemmte und mit dem Ringfinger den Träger des BHs lupfte, nur ein ganz kleines bisschen, bis er gerade so den Schein unter den Träger schieben konnte. Ob es zwischen den beiden noch Krach gab? Keine Ahnung. Solange ich am Nebentisch saß, waren sie lieb und freundlich.
Kappadokien: Dass ich nach Kappadokien flog, lag am Angebot, ich gebe es zu. Eine Rundreise, acht Tage lang, da wäre ich auch in die Wüste gefahren, oder in die Pampa.
Ich nahm mir vor, auch in den klapperigsten Bus zu steigen, und nicht die Ecken des Hotelzimmers nach Wollmäusen abzusuchen, wollte mich einfach klaglos in jedes Bett legen, was mir so nachts angeboten wird und essen, was auf den Teller kommt. Ich hatte mich auf das Schlimmste eingestellt, was ich mir so vorstellen konnte: fünf Etagenbetten in einem Zimmer, karierte Wolldecken bei frostigen Temperaturen, hellroter Früchtetee, mit einem Beutel Tee auf fünf Liter Wasser und zum Essen abwechselnd Grießbrei, Reisbrei oder Kartoffelbrei.
Ganz so schlimm war es doch nicht. Ehrlich.
Eigentlich war es ganz gut. Sehr gut sogar. Echt.
Eine Reise durch Kappadokien
Strand in Kappadokien
Einige meiner gut abgehangenen Vorurteile konnte ich auf dieser Reise getrost entsorgen.
Was wusste ich eigentlich so über die Türkei und speziell über Kappadokien? Nicht sehr viel. Die Reise trug den Titel: Auf den Spuren der Apostel.
Als Paulus in Kappadokien auf seinen Sandalen unterwegs war, kam er nach Ikonium, das heutige Konya. Auf der Flucht vor der Christenverfolgung durch Nero zogen einige von ihnen dorthin. Auch Maria, die Mutter von Jesus, soll nach seinem Tod mit dem Jünger Johannes nach Ephesus gewandert sein. Sicherheitshalber. Ephesos liegt westlich von Antalya und heißt heute Selcuk. Auf dem Konzil von Ephesus wurde 431 ihr hiesiges Grab erwähnt. Gleichzeitig erhebt aber auch Jerusalem Anspruch auf das Grab von Maria.
Kümmeltürken gibt es hier nicht
Einem Kümmeltürken bin ich jedenfalls in der Türkei nicht begegnet. Konnte ich auch gar nicht. Entstanden ist das Wort in Halle, früher, als dort noch viel Kümmel angebaut und trostlose Landstriche als Türkei bezeichnet wurden. Mit diesem Wort Kümmeltürke wurde früher ein Student bezeichnet, der aus der Umgebung der Uni stammt.
Und überhaupt. Kappadokien. Türkei. Völlig unterentwickelt, abgesehen von Istanbul. Die Frauen schuften auf den Feldern, während sich die Männer im Teehaus vergnügen. Dachte ich jedenfalls. Wie gesagt, gut abgehangene Vorurteile.
Vorurteile lassen sich ändern
Dann in der Luft war es auch wie immer: Alles sah noch viel kleiner aus, als im Spielzeugland. Keine Grenzen sind zu sehen, nur Straßen und Felder und Berge. „Bitte schnallen Sie sich wegen der Wetterlage an“, sagte die Stewardess. Aber hier oben war gar kein Wetter, hier oben war Sonne. Wetter und Wolken waren doch tief unter uns. Trotzdem wackelten die Tragflächen.
Die Fahrt vom Flughafen zum Hotel dauerte etwas mehr als eine Stunde und entlang der Straße standen lauter Betonbauten. Blinkende Autos überholten eilig den Bus. Hohe Tiere, sagte Ertan, unser Reiseführer für die acht Tage. Soso. Wichtige Leute. Von denen würden wir noch mehr mitkriegen, warnt er.
Vom Balkon aus wäre ein Meerblick möglich gewesen, die Richtung stimmte, aber andere Häuser versperrten die Sicht. Weil es noch früh im Jahr war, gab es weder Kampf um die Poolliegen, noch Kindergebrüll, nur Spatzen und Bauarbeiter lärmten. Der Hibiskus war kahl und struppig, der Strand schmal und kieselig. Aber ich war ja hier nicht zum Spaß, sprich: nicht zum Badeurlaub.
Eine Fahrt mit dem Boot auf dem Manavgat
Sonntag ist Kirchgehtag. Weil ich in der Türkei war, ging es aber nicht in eine Kirche, sondern in eine Moschee. Die Moschee in Manavgat wurde in einem historisierenden Stil vor etwa zehn Jahren neu gebaut, übersetzt Ertan die Tafel neben dem Eingang.
Moschee in Manavgat
Weil seit Atatürks Zeiten Staat und Kirche in der Türkei streng getrennt sind, treibt der türkische Staat auch keine Kirchen- resp. Moscheesteuer bei den Gläubigen ein. Soll also in der Türkei eine neue Moschee gebaut werden, müssen die Menschen, welche das wollen, dafür sammeln und spenden, beten soll auch helfen.
Häuser in Manavgat
Die Häuser rund um die Moschee herum sahen ziemlich neu aus. Wo haben die Menschen, die darin leben, eigentlich vorher gewohnt? Sind die alle aus den Dörfern in die Städte gezogen? (Genaueres erzählte Ertan später, dazu komme ich also noch). Außerdem war Wahlkampf: Deswegen hingen überall Fahnen und Plakate herum, mit Politikern, welche gewählt werden wollen.
Auf dem Manavgat in Manavgat
Der Manavgat in Manavgat
Gemächlich und träge glitt das Schiff durchs Wasser, der Motor vibrierte, melancholische Akkordeonmusik tönte aus dem Lautsprecher. Viel Zeit zum Gucken. Kurz vor der Mündung ins Meer hatten Händler auf einer Landzunge Zelte aufgebaut. Weil es dort frisch und windig war, standen früher Sommerhäuser auf Holzpfählen, erzählt Ertan. Da dort allerdings auch Karettschildkröten ihre Eier in den Sand legen, mussten die Häuser abgerissen werden.
Über das Taurusgebirge nach Konya
Unterwegs durchs Taurusgebirge
Nordwärts ging es, in steilen Kurven stieg die Straße hinauf zum Pass. Wir sollten das Grün der Bäume genießen, warnt der Reiseführer vor der steinigen Wüste der kommenden Tage. Was heute eine Busfahrt von zwei Stunden ist, dauerte vor wenigen Jahren zu Fuß und mit Lasttieren noch mehrere Tage. Ab und an schlängelten sich noch Reste der früheren schmalen Straße nebenan. Sonst war nicht viel Platz zwischen Straße und Steinen.
Tankstellen als moderne Karawanserei
In Kappadokien unterwegs, im Hintergrund eine Bauxitfabrik
Was früher Karawansereien waren, Raststätten, an denen Menschen und Tiere ausruhen, essen, trinken, schwätzen und schlafen konnten, sind heute Tankstellen. Autos und Busse bekommen Sprit, die Menschen Kaffee, türkischen Honig, Tee und getrocknete Früchte. Irgendwann roch es metallisch und rußig: Eine Bauxitfabrik, erklärt Ertan, hinten zu erahnen. Auf der alten Seidenstraße ging es bis Konya, ehemals Ikonium, dorthin, wo bereits der Apostel Paulus war. In der Apostelgeschichte heißt es: Paulus und Barnabas zogen weiter nach Ikonium (Apg 13, 50). Als sie jedoch in der dortigen Synagoge predigten, mussten sie weiter fliehen – sonst drohte die Steinigung (Apg 14)
Barbarossa war auch schon hier
Später zog Kaiser Friedrich Barbarossa auf seinem Weg nach Palästina durch Kappadokien, und schlug am 18. Main 1190 seine letzte Schlacht auf dem dritten Kreuzzug, die Schlacht von Ikonium. Als er anschließend mit seinem Heer durch den Taurus hinunter zur Küste zog, ertrank er am 10. Juni im Fluss Saleph. Da seinem Sohn Friedrich V. von Schwaben nur noch wenige Kreuzritter nach Palästina folgten war der Kreuzzug damit fast zu Ende.
Die Fußspuren von Paulus sind längst verweht, ebenso die Zitadelle, in die sich der seldschukische Sultan vor den Kreuzrittern geflüchtet hatte. Doch das ehemalige Kloster der tanzenden Derwische gibt es noch.
Das Kloster in Konya
„Ist doch alles Hottentottenmusik“, murrt die Großmutter, als ihre Enkelin den neuen Song von Xavier Naidoo aufdrehte. Dafür wollte das Kind zwei Tage später nichts von der Blasmusik im Stadtpark hören: „Das ist mir zu laut!“
Jenseits von richtig und falsch gibt es einen Ort, dort treffen wir uns. —- Rumi
Das Grab von Rumi in Konya
Eine grüne Kuppel leuchtet weit über den Dächern, unter ihr das Grab von Dschalal ad-Din Muhammad Rumi. Ein islamischer Mystiker. Innen stehen viele mit Decken verhüllte Särge, auf jedem ein Turban. Symbolisch, sagt Ertan, die Gräber sind ganz normal im Boden. Unter dem größten Sarg liegt der islamische Mystiker und Gelehrte Rumi, dessen Vater bereits Gelehrter war. Der Sohn studierte beim Vater – und übernahm später seine Stelle.
Der Gelehrte verliebt sich in seinen Schüler.
Das Kloster in Konya
Irgendwann war Rumi (dessen Name sich von den damals herrschenden Rum-Seldschuken ableitete) etabliert und als Gelehrter hoch angesehen, als zu ihm ein Schüler kam, ein bis dahin unbekannter Derwisch namens Schams. Ab jetzt wird es romantisch: beide haben sich ineinander verliebt, auch wenn Rumi längst verheiratet und selbst Vater war. Sie himmelten sich an, schwärmten füreinander und Rumi interessierte sich nicht mehr für sein Leben als seriöser Lehrer der islamischen Religion. Er wurde ein liebestrunkener Mann, dem Musik, Tanz und Dichtung wichtiger waren als die Moschee. Zum Glück, möchte man heute sagen. Andernfalls gäbe es seine Verse nicht, die selbst von Madonna vertont wurden. Überhaupt sind seine Bücher in Amerika Bestseller.
Die Idee der Liebe
Kloster in Konya
Er beschreibt in ihnen seine Idee der Liebe, die für alle Menschen und Religionen gleichermaßen gültig sein soll. Doch von Rumis Anhängern wurde Schams angefeindet, so dass er schließlich nach Damaskus floh. Rumi schickte seinen Sohn hinterher, Schams kam zurück, verschwand jedoch kurze Zeit später wieder. Wohin? Das weiß niemand. Vielleicht reiste er heimlich und ohne Spuren zu hinterlassen an einen Ort, wo ihn niemand finden konnte. Vielleicht wurde er aber auch von eifersüchtigen Menschen ermordet.
Rumi gründete den Orden der tanzenden Derwische. Er glaubte, dass sich mit Musik und spirituellem Tanz der Mönche eine Extase erreichen ließe, in welcher der betende Tänzer an der universellen Liebe teilhaben könnte. Immer noch pilgern viele Türken nach Konya, Rumi zu ehren, auch wenn das Kloster selbst längst säkularisiert ist. Die tanzenden Derwische sind seit dieser Zeit in einem Verein organisiert.
Die tanzenden Derwische
Vorne in der ersten Reihe wird es kühl, warnt Ertan. Die Zeremonie selbst wurde erklärt: Musik und Gesang ist eine Lobpreisung des Propheten. Aber lässt sich damit das Wesen hinter dem Tanz der Derwische erfassen, das Geheimnis? Wahrscheinlich ebenso wenig, wie sich mit einer Erklärung über die Baugeschichte einer Kathedrale deren Faszination begreifen lässt, welche die weit gespannten Gewölbe auf Menschen ausüben.
In weiße Gewänder gehüllt
Tanzende Derwische
Wie sieben weiße Vögel breiten die Derwische ihre Arme, die weiten Gewänder werden zu Schwingen. Doch sie fliegen nicht, sie drehen sich, stundenlang, wie mir schien, ihre Köpfe auf die Schulter geneigt, mit geschlossenen Augen. Sie drehen sich, strecken den rechten Arm zum Himmel, mit geöffneter Hand, von dort empfangen sie Weisheit und Güte Gottes. Sie reihen diese mit dem anderen Arm, der zur Erde weist, an die Menschen weiter. Ein steingrauer Filzhut symbolisiert den Grabstein, die weißen Gewänder stellen die Totenhemden dar.
Musik der Tanzenden Derwische
Die persische Flöte Nei wird von Laute, Zither und Trommel begleitet. Der Tanz der Derwische ist ihr Gebet und Zugang zu Gottes Geist. Kann ja sein. Aber ich kann mir nicht vorstellen, dass Gott dazu gesagt hat, dass ringsum zahlende Touristen sitzen sollen, dicht gedrängt wie in einem Zirkuszelt.
1925 ließ Kemal Atatürk alle Derwischorden verbieten. Er sah in ihnen eine Gefahr für seine moderne Türkei, waren sie doch in ihren Traditionen verhaftet. Die Klöster wurden aufgelöst, die Derwische organisierten sich in Vereinen. Achtzig Jahre nach Aufhebung des Ordens wurde die Zeremonie der Tanzenden Derwische in die Liste des UNESCO-Weltkulturerbes aufgenommen.
Im Odenwald lässt es sich gut wandern, beispielsweise von Eberbach nach Zwingenberg. Der Weg führt über die alte Burg, den Katzenbuckel und durch die wildromantische Wolfsschlucht. Der Rückweg lässt sich mit zwei Stationen Bahn schnell erledigen.
Burgruine über Eberbach im Odenwald
Locken alte Steine auf einem Berg, lohnt sich das Ziel: Gut 200 Meter oberhalb von Eberbach warten die Reste dreier Burgen auf vorbeikommende Wanderer. Der Weg dorthin führt in Serpentinen je nach Kondition gemächlich oder steil bergan.
Eberbach liegt im Odenwald, in einer großen Schleife des Neckar. Gut erhaltene Fachwerkhäuser, eine mittelalterliche Befestigung und die in Sgraffito geschmückte Fassade des „Hotel Karpfen“ lohnen eine Besichtigung.
Vom Katzenbuckel aus reicht die Sicht weit
Katzenbuckel mit Aussichtsturm: Weite Sicht vom Odenwald aus
Weiter geht es zum Katzenbuckel, mit seinen 626 Metern höchster Berg im Odenwald, gleichzeitig Überrest eines Vulkans. Heute ist hier ein geologisches Naturdenkmal: Die Kuppe des Berges ist zu Stein erstarrtes Magma, 60 Millionen Jahre alt. Das war die Zeit, in der die Dinosaurier langsam ausstarben und Säugetiere die Welt bevölkerten. In neunundachtzig Stufen ist die oberste Plattform des 18 Meter hohen und 200 Jahre alten Turmes erreicht: Von hier reicht der Blick bei klarer Sicht weit. Wie schlafende Tiere schmiegen sich die Hügel des Odenwaldes auf die Erde, weiter entfernt sind Taunus und Spessart. Die Zinnen lassen den Turm wie einen mittelalterlichen Burgturm wirken. Belohnung für die überwundenen Höhenmeter ist schließlich leckeres Essen in der Villa Katzenbuckel.
Höllisch gefährlich und wildromantisch: Die Wolfsschlucht
Wildromantisch und höllisch gefährlich: Die Wolfsschlucht bei Zwingenberg
Über Feldwege und Straßen ist es nicht weit bis Oberdielbach und von dort zur Wolfsschlucht, wildromantisch und höllisch gefährlich, wenn man den Schildern Glauben schenkt. Hat sie Carl Maria von Weber zum „Freischütz“ inspiriert? Zwar ist es historisch nicht zweifelsfrei, trotzdem wird die Oper zu den Burgfestspielen aufgeführt. Die Szene in der Wolfsschlucht ist jedenfalls der musikalische und dramaturgische Höhepunkt zugleich: Damit der Jägerbursche Max die Försterstochter Agathe heiraten darf, muss er seine Treffsicherheit beweisen. Er setzt auf ihr Ziel nie verfehlende Freikugeln, muss diese in der Wolfsschlucht gießen. Für die Wolfsschlucht bei Zwingenberg spricht, dass Weber 1810 in dieser Gegend unterwegs war.
Vom Eingang bis zum Ende der Schlucht sind es nur gut anderthalb Kilometer, die jedoch haben es teilweise in sich. So sind die wirklich rutschigen Stellen mit Halteseil gesichert, dabei soll der Wanderer bei Regen, Schnee und schlechtem Wetter ohnehin diesen Weg meiden.
Wildromantisch und höllisch gefährlich: Die Wolfsschlucht bei Zwingenberg
Auf dem Weg am Hang hinunter ist der Buntsandstein durch Erosion erschlossen und gut sichtbar. Weil das Wasser immer noch ausreichend stark durch die schmale Schlucht rauscht, dabei Geröll und abbrechendes Gestein mit sich nimmt, bleiben die Wände relativ frei von Vegetation und tragen damit zum spektakulären Ambiente bei. Während die Buntsandsteinfelsen an den Seiten emporragen, wachsen dort Farne, Moose und Bäume. Sonnenstrahlen müssen sich ihren Weg durchs dichte Blätterdach regelrecht bahnen. Die Schlucht schimmert in den unterschiedlichsten Braun- und Grüntönen, es wirkt ein bisschen wie im Urwald, zumal die Sonne heiß von oben brennt.
Wildromantisch und höllisch gefährlich: Die Wolfsschlucht bei Zwingenberg
Ihren Namen erhielt die Schlucht übrigens, weil 1866 in Zwingenberg des letzte Wolf des Odenwaldes starb. Die Wanderung durch den Odenwald von Eberbach nach Zwingenberg erinnert an ihn.
Während am Königsee und in Salzburg der sprichwörtliche touristische Bär steppt, ist der quasi in Rufweite gelegene Rupertiwinkelbis heute ein recht stiller Ort geblieben. Hier lässt sich trefflich einige Zeit verbringen, in Sichtweite von Watzmann und Hochstaufen. Das nach dem Heiligen Rupertus, dem ersten Salzburger Bischof, benannte Dreieck westlich von Salzach und Saalach gehörte ursprünglich zu Salzburg. Erst seit 1810 wurde es Bayerisch. Wer in Laufen die Salzach quert, hat bereits die Grenze zum österreichischen Oberndorf überschritten. Während sich die Berge der Berchtesgadener Alpen hoch türmen, sind hier die Hügel noch sanft und voralpin. So lässt sich die Gegend lässt hervorragend erwandern oder mit dem Rad erkunden.
Rupertiwinkel: Überall sind die Alpen im Blick
Seit alters her ein geschätzter Landstrich
Schon die Römer schätzten das milde Klima im Rupertiwinkel. Das galt auch für die Salzburger Fürstbischöfe, für die der Landstrich im Alpenvorland eine wichtige Kornkammer war. Bis heute künden Bildstöcke, Kapellen, Wegkreuze, aber auch Marterl und Totenbretter vom sichtbaren Zeichen tiefgläubiger Religiosität. Ihnen begegnet man allenthalben, sie markieren Wegkreuzungen ebenso wie Berggipfel. In der größtenteils bäuerlich geprägten Landschaft grasen Kühe und liefern Milch für die bereits 1927 als Genossenschaft gegründete Molkerei Berchtesgadener Land. Die Balkone der historischen Häuser blühen den ganzen Sommer hindurch, ebenso wie die auch für Besucher oft offene Gärten.
Dem Rupertiwinkel kulinarisch auf der Spur
Ob im Teisendorfer Gut Edermann, einem Spa-Hotel oder auf dem Bauernhof: Die Gastgeber des Rupertiwinkel verwöhnen ihre Gäste mit regionalen Köstlichkeiten. Bis heute verrät die üppige Küche die einstige Nähe zum Salzburger Land mit ihren Nockerln, Kaspressknödeln oder Krautspatzen. Viele der Lieferanten kommen aus der Region, so sind kurze Wege garantiert und der Geschmack auf dem Teller sicher. Das Berchtesgadener Land ist als Biosphärenregion von der UNESCO ausgezeichnet. Das Gebiet der nördlichen Kalkalpen mit dem Vorland ist übrigens das einzige alpine UNESCO-Biosphärenreservat hierzulande.
Überall sind die Berge im Hintergrund zu sehen
Mit dem E-Bike das Voralpenland erkunden
Von der alten Stadt Laufen bis zum Kloster Höglwörth am Höglwörther See spannt sich ein großes Netz an gut ausgebauten Rad- und Wanderwegen. Einer von ihnen führt auf den Spuren der Brauerei Wieninger. Zehn Stationen erzählen auf gut zwölf Kilometern über die Kunst des Bierbrauens und der Bierkultur und selbstverständlich lässt sich sowohl in Höglwörth als auch in Teisendorf der geschätzte Gerstensaft nebst einem Imbiss probieren. Wer sich zum ersten Mal auf das E-Bike schwingt, wie sie beispielsweise im Gut Edermann tageweise verliehen werden, findet in Eddy Balduin einen Mountainbike-Guide, Fitness-Coach und Bergführer, der sich auskennt. Er empfiehlt einen Kurs noch vor der ersten Fahrt in hügeliges Gelände, schließlich kommt es beim Schalten und Bremsen auf die richtige Technik an.
Gute Aussichten gibt es überall
Reinheitsgebot versus Craftbeer
Im kleinen Sudhaus der Teisendorfer Brauerei Wieningerlernen nicht nur die Lehrlinge handwerklich hochwertiges Bier zu brauen. In der Bierwerkstatt können auch Hobbybrauer, Freunde, Vereine, Stammtische oder Firmen ihr eigenes Bier brauen. Riechen, schmecken und fühlen ist das Wichtigste beim Brauen, ist sich Braumeister Bernhard Löw sicher. Erst nach der Ernte wird der Hopfen aus der Hallertau verglichen. Verreibt man ihn auf der Haut, entsteht wie beim Parfum das typische Aroma. Im Bierdegustationsglas kann sich das Aroma richtig entfalten. Es muss einen Bogen vom Antrunk über den Haupttrunk bis zum Nachtrunk spannen, erklärt der Braumeister. Selbst ungeübten Zungen fällt die leichte Note nach Zartbitterschokolade im Nachtrunk auf. Während der eigentliche Brauvorgang nur rund acht Stunden dauert, braucht die anschließende Gärung zwischen vier und sechs Wochen. Je höher der Alkoholgehalt im Bier ist, desto länger lässt es sich lagern, jedoch: „Bier ist keine Dauerwurst“, mahnt Bernhard Löw. Es will getrunken werden.
Laufen an der Salzach
Die Brücke über die Salzach
Wer über den Europasteg oder die im Jugendstil erbaute Länderbrücke über die Salzach geht, gelangt direkt über die Grenze von Laufen ins österreichische Oberndorf. Schon vor 1000 Jahren bestimmte die Schifffahrt auf der Salzach und der Salztransport von Hallein nach Passau und Wien die Geschichte des Ortes. Damit ist Laufen eine der ältesten Städte Oberbayerns und beherbergt mit der Stiftskirche Maria Himmelfahrt die älteste gotische Hallenkirche in Süddeutschland. Auffallend sind die hohen Fassaden, hinter ihnen sind die Dächer versteckt. Durch diesen Baustil sollte die Brandbekämpfung erleichtert und das Übergreifen des Feuers erschwert werden. Stadtführer Hans Surrer weist auf das vor einigen Jahren sanierte ehemalige Kapuzinerkloster hin. In diesem ist heute die Bayerische Akademie für Naturschutz und Landschaftspflege untergebracht, ist Erwachsenen- und Umweltbildungszentrum mit Gastwirtschaft.
Zu jeder Jahreszeit einfach schön
Der Rupertiwinkel ist mit seinen insgesamt 17 Gemeinden ein geradezu idyllischer Landstrich. Im Norden des Berchtesgadener Landes bietet er für Familien, Wanderer und Radfahrer gleichermaßen zahlreiche Möglichkeiten zur Erholung. Rund ums Jahr finden gelebte Traditionen zahlreiche Zuschauer. Hebt sich der morgendliche Nebel von den Wiesen, sind die einzigen Geräusche das Zwitschern der Vögel und das Wiederkäuen der Milchkühe. Das Schönramer Filz ist ein renaturiertes Hochmoor, es ist zu jeder Jahreszeit Naherholung für die Einheimischen und ihre Gäste und stimmungsvolle Kulisse zugleich. Das Land vor den Bergen ist ein echter Geheimtipp für geruhsame Ferien – und liegt zudem nahe an allen touristischen Höhepunkten rundherum.
Morgenstimmung im RupertiwinkelAbendstimmung im Rupertiwinkel
Im marokkanischen Marrakesch schuf der französische Maler Jacques Majorelle mit dem Jardin Majorelle einen verwunschenen Garten, eine blaue Oase. Nach seinem Tod 1962 kümmerte sich kaum jemand um dessen Pracht, sie war vom Zerfall bedroht. Glücklicherweise entdeckten Yves Saint Laurent und sein Partner Pierre Bergé das Kleinod. Als auf der Fläche 1980 ein Hotelkomplex geplant wurde, kauften sie den Garten und bewahrten ihn somit vor dem Untergang.
Die Mauern von Marrakesch
Gärten, Innenhöfe und überhaupt alles ist in Marrakesch hinter Mauern versteckt. Einen Blick kann ich nur dort erhaschen, wo eine Tür geöffnet steht. Das gilt auch für die Rue Yves Saint Laurent im Stadtteil Guéliz. Die japanischen Touristinnen scharen sich lieber um die Katzen, die sich auf der staubigen Straße wälzen. Die ewiggleiche Architektur der Apartmenthäuser lässt sie unbeeindruckt. Gegenüber ragen hohe Palmen über die rostrote Mauer. Eine kleine Pforte gewährt mir Einblick und Einlass: Der Brunnen im ersten Innenhof ist von einem betörenden Blau, so leuchtend und tief, dass selbst das Blau des Himmels dagegen verblasst. Es ist das gleiche Blau, mit dem die Berber im Süden Marokkos ihre Tücher färben und manche ihrer Türen bemalen.
Grüne Oase inmitten der Stadt
Der rostrote Pfad führt auf verwunschenen Wegen tief in den Garten hinein, mit jeder Windung entdecke ich etwas Neues: Sei es ein Brunnen, eine Pergola oder Seerosen unter Palmen. Während vor den Mauern das staubig-hektische und immer heiße Marrakesch tobt, herrscht im Jardin Majorelle Marrakesch kühler Schatten und himmlische Ruhe. Das leise Plätschern der Springbrunnen übertönt selbst das Gemurmel der Besucher. Das Wasser wirkt kühlend, die Bänke einladend. Die Wasserschildkröten im großen Bassin bewegen sich mit einer Ruhe, als hätten sie ihr ganzes Leben noch keine Eile erlebt. Hinter den Palmen, Kakteen und Bougainvilleen schimmern blaue Fassaden, die Fenster mit filigranen Gittern in Gelb verziert, rote und weiße Blüten bilden Akzente, die wie Edelsteine funkeln.
Jaques Majorelle und sein Garten
Ohne den Jardin Majorelle in Marrakesch wäre Jaques Majorelle fast vergessen. Schon zu Lebzeiten stand er im Schatten seines berühmten Vaters, Mitbegründer der „Ecole de Nancy“, einer Bewegung des Jugendstils. Als Majorelle nach einer Tuberkulose gesundet, reist er um das Mittelmeer, nach Ägypten und ist vom Orient begeistert. 1919 kauft er ein Haus in der Medina, fünf Jahre später ein Grundstück vor der Stadt. Er lässt sich vom Architekten Paul Sinoir sein Atelierhaus bauen und in dem Blau streichen, das später seinen Namen tragen wird. Majorelle sammelt Pflanzen aus verschiedenen Erdteilen, bewässert sie und verwandelt trockenen Wüstensand in eine grüne Oase. Für den Rest seines Lebens bleibt Majorelle dem Zauber des Orients verfallen, reist zu den Berbern, besucht Basare und lernt die einfachen Menschen kennen. Er ist von ihnen fasziniert, von ihrer Kultur und vom Kobaltblau, mit dem sie ihre Kleidung färben und Rahmen um die Fenster der Häuser malen.
Perspektiven, Wasser und üppiges Grün
Hinter den hohen Mauern blüht, grünt und sprudelt es, geschützt vor dem Lärm und Staub der Metropole. Im Jardin Majorelle Marrakesch kann ich mich ganz auf die Farben und Düfte konzentrieren. Er versinnbildlicht Harmonie und entspricht mit seinen Perspektiven, dem Wasser und üppigen Grün den Idealen eines orientalischen Gartens. Während außerhalb der Mauern die gleißende Sonne unbarmherzig brennt, wandle ich hier im kühlen Schatten auf einem endlos scheinenden Spaziergang. Noch nicht einmal die anderen Besucher stören.
Eine Stiftung sorgt für den Garten
Seit mehr als zwanzig Jahren kümmert sich eine Stiftung darum, dass der Garten in seiner wunderbaren Schönheit erhalten bleibt. Er ist ein geradezu magischer Ort zum Verlieben. Vielleicht sind deshalb in der Love-Gallery die „Love“-Poster von Yves Saint-Laurent versammelt, die der Künstler einst als Gruß an Freunde schuf. In dieser sinnlichen Zuflucht offenbart Marrakesch seinen hinter Mauern verborgenen Zauber, eine Magie, der ich mich nur schwer entziehen kann.
Die Altstadt von Regensburg lässt erahnen, wie eine mittelalterliche Stadt einst ausgesehen hat. Bis heute spiegelt die Architektur die Rolle der Stadt als Handelszentrum wider. Sie war Knotenpunkt und Umschlagplatz für Waren, die auf den großen Reiserouten nach Russland, Byzanz, Böhmen oder über die Alpen nach Italien transportiert wurden.
Relikte aus der Römerzeit wurden in der Architektur integriert
Regensburg blieb vom Bombenhagel verschont
Regensburg hatte Glück. Weil die Stadt im zweiten Weltkrieg vom Bombenhagel verschont wurde und damit erhalten blieb, ist sie heute Weltkulturerbe, in der mehr als 1.000 denkmalgeschützte Häuser allein in der Innenstadt von 2.000-jähriger Stadtgeschichte künden. Wer durch Regensburg spazieren geht, kann diese wie in einem steinernen Geschichtsbuch lesen.
Fernhandel sorgte für den Reichtum der Stadt
Ursprünglich als römisches Soldatenlager zur Verteidigung angelegt, wuchs Regensburg rasch und avancierte im Mittelalter zu einer Residenz, in der Fürsten und Bischöfe gleichermaßen ihre Paläste bauen ließen. Der Fernhandel machte die Regensburger reich, nicht alle, aber einige von ihnen durchaus. Die Stadt lag verkehrsgünstig an der Donau und war die am südlichsten gelegene protestantische Reichsstadt.
Patrizierturm in Regensburg
Italienisches Flair in der Stadt
Die hohen Patriziertürme in Regensburg machen einen Teil des südlichen Flairs aus. Ursprünglich ragten mehr als 60 von ihnen über die Dächer der Stadt, heute sind noch etwa 20 von ihnen erhalten. Während die italienischen Türme zur Verteidigung dienten, zeigten die Regensburger, was sich deren Erbauer leisten konnten, ganz nach dem Motto: Meiner ist höher als deiner.
Sie spiegelten den Gewinn wieder, der mit dem Fernhandel in die Stadt gekommen war. Schließlich zählten die Regensburger Handelsherren zu den ersten, die mit Brokat und Pelzen, Seide und Gewürzen über die Alpen zogen und dort nicht nur Geschäfte abwickelten und ihren Gewinn einsackten, sondern auch die südländische Lebensart kennen und schätzen lernten.
Der immerwährende Reichstag in Regensburg
Der immerwährende Reichstag fand im alten Rathaus in Regensburg statt
Weil sich in Regensburg katholische und evangelische Einwohner seit 1542 das Leben so schwer wie möglich machten, tagte gleich 150 Jahre lang der immerwährende Reichstag in der Stadt. Damit hatte sie Glück: Zu dieser Zeit hatte sich der Handel andere Wege gesucht und die Stadt war arm, aber immer noch sexy. In den alten, adligen Residenzen war genügend Platz für die Gesandten der Fürsten und Vertreter der Reichsstände, die auf dem immerwährenden Reichstag tagten und miteinander verhandelten.
Relikte aus der Römerzeit
Wer genau schaut, entdeckt nicht nur mittelalterliches in der Stadt, sondern auch Relikte aus der Römerzeit, gut 2.000 Jahre alt. Das ehemalige Nordtor führte einst in das Lager Castra Regina der Legion III Italica. Insgesamt 6.000 Soldaten waren am nördlichsten Punkt der Donau stationiert und wachten über die Grenze des Römischen Reiches. Weil die Regensburger pfiffig waren, rissen sie alte Gemäuer nicht einfach ab, sondern integrierten sie in die neue Bebauung. Daher bilden die vom Alter geschwärzten Steine einen malerischen Kontrast zum weiß gekalkten Bischofspalast, der erst viele Jahrhunderte später entstand.
Alte Gebäude wurden saniert
Auf alten Fotografien lässt sich erahnen, dass Regensburg nicht immer so adrett herausgeputzt war. In die von Bomben verschonte Stadt kamen nach dem Krieg unendliche Ströme an Flüchtlingen: In den fünfziger Jahren war Regensburg nicht nur die am dichtesten besiedelte, sondern auch eine sehr heruntergekommene Stadt. Zu dieser Zeit war jedes fünfte Haus vom Einsturz bedroht. Glücklicherweise gab es Menschen, denen die alten Gebäude so sehr am Herzen lagen, dass sie diese nicht abrissen, sondern sanierten.
Verwinkelte und malerische Ecken
Regensburg hat bis heute viele verwinkelte Ecken und Höfe, durch welche die Straßen auf kurzen Wegen verbunden sind. In die einstigen Hauskapellen der Patrizier zogen kleine Geschäfte ein. Wer die Stadt und ihre Geschichte hautnah erleben möchte, nimmt an einer der kurzweiligen Stadtführungen teil.
Die letzten zwei Römer aus Castra Regina
In historische Kostüme gewandet, erzählen beispielsweise zwei römische Soldaten von der schweren Last ihrer Ausrüstung. Diese wog zwischen 35 und 40 Kilogramm und musste selbstverständlich auf den Märschen selbst getragen werden. Von Camuntum, römischer Hauptstützpunkt östlich von Wien an der Donau, bis Regensburg waren es gut 500 Kilometer zu Fuß. Obwohl die Soldaten täglich dreißig Kilometer marschierten, brauchten sie gut vier Wochen bis Regensburg.
Der Regensburger Dom mit dem Eselsturm
Hinter den beiden Römern führt eine Treppe zum Sitz des Bischofs. Von hier aus lässt sich ein fabelhafter Blick auf den Regensburger Dom erhaschen. An dessen gotischer Basilika klebt noch ein alter Turm, Eselsturm genannt.
Eselsturm am Dom in Regenburg
Der lateinische Name Asinus lässt sich zwar gleichermaßen mit Esel oder Dummkopf übersetzen, war jedoch einst auch die Bezeichnung für einen Lastenaufzug. Ob die Esel erst die Steine und später die Glocken nach oben zogen? Weil der Bau eines solchen Doms viel Geld verschlang, war hinterher keines mehr übrig. Der alte Turm blieb einfach unverkleidet stehen. Manchmal ist eben Armut die bessere Denkmalpflege.
Eine alte Tabakfabrik im Patrizierhaus
Die im neunzehnten Jahrhundert beginnende Industrialisierung setzte sich in Regensburg nur sehr zögerlich durch. Auch wenn einige Manufakturen entstanden, waren es doch zu wenige, um aus der Stadt ein echtes Industriezentrum zu machen. In zwei zusammengelegten Patrizieranwesen entstand beispielsweise eine Fabrik für Schnupftabak, in der bis vor 20 Jahren sogar noch in der Innenstadt produziert wurde. Drei Räume blieben im ursprünglichen Zustand bei der Sanierung erhalten. Innen riecht es noch immer nach Tabak, genau so, wie in den vergangenen zweihundert Jahren.
Schnupftabakfabrik in RegensburgHier wurde der Tabak zerkleinert
Damals zerkleinerten Arbeiter in 14-stündiger Arbeitszeit den Tabak, zerrieben ihn und versetzten ihn mit Schmalz und Aromen. Die Herren gehobener Stände kauften ihn schließlich in kleine Döschen gefüllt.
Das Patrizierhaus der Familie Runtinger
In Regensburg lässt sich noch viel mehr entdecken: Die Schottenkirche mit ihrem reich geschmückten Portal, der Kaisersaal im Gasthaus zum Goldenen Kreuz oder das Patrizierhaus der Familie Runtinger.
Margarethe Runtinger lauscht dem Reisebericht
Weil das Handelsbuch der Runtigers im Stadtarchiv erhalten blieb, sind sämtliche Aufzeichnungen über die gehandelten Waren, die Preisaufschläge und die Handelswege bekannt. Handelsherr Matthias Runtiger lebte um 1400, als er starb, übernahm seine Frau Margarethe die Geschäfte und führte die Bücher weiter. Sie schickte ihre Bediensteten auf Handelsreisen und blieb selbst zu Hause, ganz im Gegensatz zu ihrem Mann, der die Reisen selbst begleitete. Kamen die Karawanen nach Monaten oder Jahren nach Regensburg zurück, hörte sie Berichte von wunderlichen Tieren mit langen Nasen, märchenhaften Orten und Reichtümern.
Liebesgeschichte mit Happy End
Don Juan d’Austria
Dass Liebesgeschichten hoher Herrschaften auch gut ausgehen konnten, davon erzählt das Denkmal von Don Juan d’Austria: Kaiser Karl V. war bereits Witwer, als er sich in die bürgerliche Gürtlerstochter Barbara Blomberg verliebte. Als die Regensburgerin einen Sohn vom Kaiser bekam, ließ ihn dieser am spanischen Hof erziehen. Er wusste nichts von seiner Herkunft und sollte eigentlich in den kirchlichen Dienst. Er wollte jedoch lieber beim Militär Karriere machen. Als Befehlshaber der spanischen Mittelmeerflotte schlug er in der Seeschlacht von Lepanto 1571 die Osmanen.
Wer seine Ruhe haben will, braucht gar nicht weit zu ziehen: Mitten in Deutschland gibt es völlig ruhige und vergessene Landschaften. Hier gibt es (fast) nichts mehr.
Idyllische und vergessene Landschaft
Der Brandenfels – eine ehemalige Höhenburg
Hoch auf dem Ringgau in Hessen steht die Ruine der ehemaligen Höhenburg Brandenfels. In der Mitte des 13. Jahrhunderts erbaut, sind heute nur noch vereinzelte Reste oberhalb von Markershausen, einem Ortsteil der nordhessischen Gemeinde Herleshausen zu finden.
Reste der Höhenburgruine Brandenfels
An der ehemaligen innerdeutschen Grenze gelegen, trennt die Werra immer noch – die Bundesländer Hessen und Thüringen. Und auf der Thüringer Seite wacht weithin sichtbar die Ruine der Brandenburg über die Werra. Diese ist touristisch gut erschlossen, auch wenn nur relativ wenige Wanderer kommen.
Der Brandenfels
Der Brandenfels dagegen liegt wie vergessen auf seinem Berg. Hierher verirrt sich niemand aus Versehen, er will gesucht und gefunden werden und belohnt dafür mit einer Stille, die andächtig auf das Vergehen der Zeit verweist.
Der Weg führt in Windungen nach oben
An der Straße bleibt das Auto stehen und die restliche Strecke muss zu Fuß bewältigt werden. Der Pfad zur Burg schraubt am Berg entlang, in immer neuen Windungen geht es höher und höher, immer links um den Berg herum. Alte Steine auf dem Pfad berichten, wie er vor langer Zeit befestigt wurde. Schließlich sollten Pferdehufe und Karrenräder sicher bis nach oben kommen.
Hier sagen sich Fuchs und Hase „Gute Nacht“
Ein Fuchs kommt mir direkt auf dem Weg entgegen. Ich bleibe stehen, doch er nimmt mich nicht wahr, trottet weiter, kommt näher und hält plötzlich an. Hat er mich gesehen? Doch er guckt nach links, ins Gebüsch, hebt seine Vorderpfote, wartet gespannt und verschwindet mit einem großen Satz. Als er zurückkehrt, hat er seine Beute im Fang, legt sie zunächst auf den Weg, wittert, spannt und schaut weiter ins Gebüsch. Ob er an der gleichen Stelle noch ein zweites Mal etwas fängt? Leider dreht er sich um, sieht mich, schnappt nach seiner abgelegten Beute und verschwindet mit einem großen Hupf im Busch.
Der Weg wird schmaler
Ein Pfeil weist vom großen Weg auf einen kleinen Weg, der sich unscheinbar im Grün verbirgt: Hier geht es links entlang. Der Pfad wird immer schmaler und manchmal bin ich mir nicht mehr ganz sicher, ob ich nicht doch eine Abzweigung verpasst habe. Buchen bilden einen grünen Baldachin über mir, durch den das Sonnenlicht blinkt. Bärlauch blüht und duftet, und die Bienen summen sich satt. Zwei Buchenstämme liegen übereinander und versperren mir den Weg.
Zwei umgestürzte Buchen versperren den Weg
Ich drehe mich um und sehe jetzt erst das Schild, das mir zeigt, dass ich auf dem richtigen Weg bin und die Stämme einfach übersteigen muss. Immer schmaler wird der Pfad, ist nur noch fußbreit und gesäumt von hohen Rispengräsern, bis ich inmitten von blühendem Bärlauch und Waldmeister auf einen steinernen Pfeiler im Graben treffe. Oben auf dem Hang ragen Mauern, in denen Fensterhöhlen gähnen.
Fensterhöhlen der Höhenburgruine Brandenfels
Alte Steine in frischem Grün
Mauerloch auf der Burgruine Brandenfels
Hältst du dein Ohr an die alten Steine, kannst du die Träume, Sehnsüchte und Klagen derer hören, die einst hier wohnten: Das Weinen des Küchenjungen, weil er für die verschüttete Milch von der Magd gezaust wurde; das Kichern der Küchenmädchen, die mit den Pferdeknechten schäkerten, wenn sie sich beim Wasserholen am Burgbrunnen trafen; das ungeduldige Schnauben und Scharren der Pferde, wenn sie bereits aufgezäumt warten mussten, bis es wieder hinab ging – und das Fluchen der Knechte, die bei schweren Wagen in die Speichen greifen mussten, damit alles nach oben auf die Burg gekarrt werden konnte, was zum Leben auf dem Berg und in der Brandenburg nötig war.
Ein idyllischer Ort mit großartiger Aussicht
Ein Stein wippte unter vorjährigem Laub, als ich auf ihn trat – doch als ich ihn drehte, fand sich kein Eingang zum Feenreich. Nur ein Regenwurm ringelte sich rasch ins Dunkel zurück.
Aussicht auf das Werratal
Die Aussicht über das Werratal ist von hier oben großartig. Wer nach der Anstrengung gerne essen und trinken will, muss das Picknick allerdings selbst mühsam nach oben schleppen. Doch der Genuss ist damit um so größer, begleitet von Vogelzwitscher und Hummelsumm.
Abfahrt. Immer ein kleiner Aufbruch. Die Vorfreude endlich in Kilometer verwandeln. Straße unter den Rädern, Landkarte im Kopf. Ob das Ziel so wird, wie erträumt? Ob der Weg uns Geschichten schenkt?
Die Pferde der Moto Guzzi stampfen ungeduldig, wollen endlich laufen, wollen Asphalt unter den Hufen, den Fahrtwind um den Tank. Im Beiwagen spürst du jeden Kolbenhub, spürst, wie der Motor lebt, wie der Mann am Lenker uns sicher führen will, wenn wir ihn gut bei Laune halten. Denn einer lenkt, der andere staunt, und beide träumen vom See.
Jetzt führt die Straße schon rund um den Bodensee, der Fahrer hat die Maschine sicher im GriffStreckenkontrolle: Sind wir noch auf dem richtigen Weg
Im Beiwagen auf Höhe der LKW-Radnaben
Mit der Nase auf Höhe der LKW-Räder bleibt genug Zeit, das Straßenbegleitgrün zu studieren. Die Sonne scheint, aber schwarze Wolken türmen sich.
Solange das Wetter hält, ist Guzzi & Beiwagen einfach nur Vergnügen. Wann aber wird’s zum Abenteuer? Ganz einfach: wenn es regnet. Wetter ist ohne Dach und Wände ein unberechenbarer Faktor. Die Autos schnurren vorbei, manch ein Fahrer guckt. Neidisch?
Doch bald knallen die ersten Tropfen wie Erbsen auf Helm und Scheibe. Von wegen Regenschutz! Vom Fahrtwind geschubst, drängeln sich erst die Tropfen, dann ganze Wasserströme in den Beiwagen. Die Arme stecken in der Regenjacke, sind also wetterfest und dichten die Einstiegsluken rechts und links ein wenig ab.
Von der Fahrerseite aus spritzt das Wasser direkt von der Guzzi-Verkleidung hoch zur Luke. Dort hätte die Seitenwand gut zehn Zentimeter höher sein können, von dort aus steigt ja niemand ein. Bis auf das Wasser, jetzt: Es gischtet und drängt, die Tropfen schieben sich die Scheibe hinauf bis hoch zur Kante, halten einen Moment inne, als müssten sie noch überlegen: „Fall ich – oder fall ich nicht“ bevor sie sich geradewegs nach unten auf meine Hose fallen lassen und darin versickern. Zum Glück ist es nicht kalt.
Rast mit Picknick
Der Fahrer grinst. Kein Wunder, er ist ja in seiner Motorradkluft auch trocken geblieben. Rastplatz? Frikadellen, Leberwurstbrot, hart gekochte Eier. Ich schmecke innerlich noch die alten Schulsandwiches: feuchte Socke auf Dachpappe.
Aber: Hier gibt’s Kaffee. Richtigen Kaffee. Vielleicht ist das Glück auf Reisen manchmal einfach nur: Ein trockener Fahrer. Ein nasses Abenteuer. Und ein heißer Kaffee.
Blick aus dem Weinberg auf dem Bodensee
🏕️Rituale des kleinen Glücks.
Nur noch ein paar Kilometer bis zum Bodensee. Und wie durch ein kleines Wunder wartet am ersten Campingplatz genau ein freies Plätzchen. Für uns. Für das Zelt. Für die Guzzi.Beim Campen gibt es Regeln. Unausgesprochen. Unverhandelbar.
🔸 Der Mann wirft das Zelt aus.
🔸 Die Häringe klopft er mit präziser Routine in den Boden.
🔸 Die Matten? Blasen sich gefälligst selbst auf.
🔸 Die Schlafsäcke dürfen einmal tief durchlüften.
Nach maximal fünf Minuten, so lautet das eherne Gesetz, muss er auf der gefalteten Matte sitzen. Rücken gerade. Blick zufrieden. Und das erste Bier macht: Plopp.
Alles andere wäre Hochverrat am Camping-Kodex.
In Friedrichshafen besuchten wir das Zeppelinmuseum und bestaunten die gigantischen MotorenIn Radolfzell sitzt ein Narr am Brunnen
🇨🇭Keine Kohle in der Schweiz.
Weil noch Zeit ist, fahren wir kurzerhand in die Schweiz. Der Fahrer murrt: „Zu spät.“
Die Guzzi schnurrt: „Zu schnell.“
Und beim Italiener in der Schweiz, Pizza auf dem Tisch, stellt der Fahrer plötzlich fest:
👉 „Keine Kohle.“
Aber ich? Ganz entspannt: „Hab doch meine EC-Karte.“
Was ich nicht wusste: Mit der EC-Karte funktioniert zwar der Pizzakauf, aber nicht die Lichtmaschine. Da waren wohl andere Kohlen gemeint.
Pfahldorf am Bodensee – nicht nur dicht an, sondern im Wasser gebaut
Das Pfahldorf am Bodensee
Sechstausend Jahre ist es her, dass hier Menschen ihre Hütten auf Stelzen ins Wasser setzten. Steinzeit. Bronzezeit. Vielleicht aus Angst vor Überfällen. Vielleicht, weil’s beim Angeln praktischer war. Oder einfach, weil es ihnen gefiel.
So genau weiß es keiner. Manchmal bleiben von der Geschichte eben nur Geschichten.
Der Fahrer aber? Der hat keine Geduld mehr für Spekulationen. Seit wir neulich in die Schweiz fuhren, hat er die alte Guzzi etwas zu sehr getrieben. Ab einem gewissen Alter haben nicht nur Menschen, sondern auch Motorräder mit Beiwagen ihre kleinen Zipperlein.
Die Lichtmaschine schweigt. Der Fahrer möchte sie ans Stromnetz hängen. Doch auf dem Zeltplatz sind alle Steckdosen besetzt.
Immerhin gibt’s am Abend Bodensee-Felchen. Als Trost. Und zum Abschied.
🍒Auf vertrautem Weg zurück.
Die Rückfahrt beginnt wie ein Déjà-vu. Am Straßenrand grüßen die großen, roten Früchte: Kirschen. Erdbeeren. Himbeeren. Ein leiser Hinweis: Der Sommer hat hier schon immer etwas Süßes im Gepäck. Gemächlich schaukelt uns die Guzzi über die Landstraßen. Nicht schnell. Aber stetig.
Hier gibt es immerhin bessere Chancen auf eine Werkstatt, falls die Lichtmaschine noch einmal schwächelt. Die Pferdchen traben ruhig und laut. Immer schön am Neckar entlang.
Bis Tübingen. Durch Tübingen. Bis zum Zeltplatz. Dort rührt sich nichts mehr. Die Mittagspause ist längst vorbei, aber das Motorrad macht einfach: Nichts.
Zum Glück gibt es freundliche Zeltplatzwarte. Und eine freie Steckdose.
Ein letztes Mal Saft aus der Steckdose tanken – damit der Heimweg sicher ist
Und am nächsten Tag gibt es eine Pause in der Eisdiele, während die Batterie noch einmal für zwei Stunden geladen wird. Dann reicht der Saft – und wir kommen gut wieder nach Hause.
Die Reise ans Ende der Welt
Der Tempel von Abu Simbel bildete einst das Ende der Welt: An der nubischen Grenze bewachten Ptah, Amun-Re, Ramses und Re-Harachte war das Reich von Ramses II. In den 60er Jahren wurde der Tempel, der zum Weltkulturerbe gehört, an einer erhöhten Stelle wieder errichtet, da er andernfalls im aufgestauten Nasser-See versunken wäre.
Eine Tour zum Tempel von Abu Simbel
Ich hatte mir eine Tour durch die Wüste immer beschwerlich und schweißtreibend vorgestellt. In meiner Phantasie zogen mit Spezereien und Edelsteinen, Seidenstoffen und Aphrodisiaka beladene Kamele gemächlich jahrhundertealte Pfade entlang. Die Wege waren gesäumt von verhungerten, verdursteten, unter ihrer Last zusammengebrochenen Tiere. Bleiche Schädel bleckten Zähne in die Sonne, durch hochaufragende Rippenbögen pfiff Wüstenwind körnigen Sand. Reste graugelber Kamelhaut und Haaren wehten gedörrt, von Aasgeiern zerrupft, über mumifizierten Leichen.
Ist der Weg noch richtig?
Immer wieder die bange und lebenswichtige Frage: ob dieser sandverwehte Pfad noch der richtige sei – oder würde er geradewegs in den hitzeflimmernden Horizont einer Fata Morgana führen, welche die Reisenden mit dem Trugbild einer Oase narrte und sinnenverwirrt verdursten ließ? Schwer bewaffnete und vermummte Söldner begleiteten und schützten Leiber und Leben der Reisenden und der Last tragenden Tiere. Denn manchmal überfielen mutige Krieger auf mageren Pferden die Karawanen, ihr Leben in den wenigen Oasen der Wüste war sonst zu schwer und karg.
Wüstenstraße 75 nach Abu Simbel
Mit Bussen auf der modernen Wüstenstraße
Als ich die Reise ans Ende der Welt selbst begann, führte eine moderne Wüstenstraße geteert und schnurgerade zum Horizont, die scharf gezogenen Ränder von kleinen Sandwehen leise verwischt. Bis an den Südrand des alten Reiches gelangte ich mit einem Konvoi klimatisierter Reisebusse. Im Dunkel der Nacht noch hatte sich der Konvoi auf einem großen Parkplatz im sicheren Schutz des Militärs formiert, bevor es hinaus in die Todeszone der Wüste ging. Blutjunge, hagere Soldaten in abgewetzten Uniformen und mit blank geputzten Uzis fuhren in jedem Fahrzeug auf den aussichtsreichsten Plätzen in der ersten Reihe.
Ob gleich schwer bewaffnete Männer aus den schwarzen Schatten der Sand- und Kiesberge die Busse stürmen würden? Die Dunkelheit der Nacht ließ meine Phantasie Purzelbäume schlagen. Wie real war die Bedrohung? Würde ich die Fahrt überleben?
Mit Maximum Speed unterwegs
Langsam zeigte sich am östlichen Horizont ein blasser Lichtstreif und genau so langsam erhob sich die Sonne zu ihrem täglichen Lauf. Die alten Ägypter glaubten, Nut, die alles überspannende blaue Himmelsgöttin, schlucke jeden Abend die Sonne um sie am Morgen neu zu gebären.
Die Straße war völlig menschenleer. In größeren Abständen luden Haltebuchten ein, in der sandigen und felsigen Ödnis zu verweilen. Doch die Fahrzeuge rasten immer weiter, dem Horizont entgegen. Ich warf einen Blick auf den Tacho: die Nadel stand sicher und still am Anschlag. „Kaputt?“ Der Fahrer schüttelte den Kopf unter seiner Kefijah: „No, Madame. Maximum Speed.“
Drei Stunden Fahrt
Drei lange Stunden bretterten die achtzig vollbesetzten Busse durch die nubische Wüste bis zu einem riesigen, mit Stacheldraht umzäunten leeren Parkplatz. Flache Gebäude säumten eine Längsseite: Toiletten – am Ende der Welt wurde die Zivilisation von Wasserklos verteidigt. Die Händler auf dem Weg zum Gasthaus wurden munter und kamen mit ihren Waren aus dem Dunkel ihrer Verschläge heraus.
„Parlez-vous francais?“
“Do you speak english?“
„Sprechen Sie deutsch?“
Woran sahen die Händler, in welcher Sprache sie ihre Tücher und Figuren anbieten mussten? Waren die Nationalitäten so leicht zu durchschauen? Ich schaute an mir herab: Was unterschied mich von den Israelis, die hinter mir gingen?
Ich sah mich um.
Touristen vor dem Tempel in Abu Simbel
Menschen aus allen Ländern unterwegs
Lächelnde Japaner posierten mit dem Victory-Zeichen vor ihren Kameras, rotgesichtige Holländer wischten sich mit blaukarierten Taschentüchern den Schweiß von der Stirn, zierliche Französinnen trugen entgegen aller Empfehlungen nur einen Hauch an Stoff – es war ja so heiß. Globetrotter aller Welt, in Khaki uniformiert und mit schweren Objektiven bewaffnet, schraubten an den Bajonettverschlüssen der Spiegelreflexkameras. Die Menge schob sich langsam drängelnd zu einem flachen Gebäude, das von einem starken Metallzaun umgeben war. Wieder standen schwer bewaffnete junge Männer scheinbar gleichgültig herum. Doch unter den langen schwarzen Wimpern musterten hellwache Augen jeden Einzelnen durchdringend beim Eintritt.
Touristen laufen zum Eingang des Tempels von Ramses II in Abu Simbel
Alles wird bewacht
Hunderte von Menschen drängten sich durch die dämmerige Enge des Einlasses. Ausnahmslos jede Tasche wurde mit Röntgenstrahlen durchleuchtet. Noch ein kurzer Fußmarsch um einen Hügel: dort hielten sie ihre ewige Wacht.
Seit dreitausend Jahren bewachen die ägyptischen Götter die nubische Grenze des alten Reiches. Ramses II. ließ einst die Tempel von Abu Simbel am Südzipfel seines Reiches bauen. Schon damals musste alles – Werkzeuge, Farbe, Brot und Zwiebeln – in Karawanen mühsam an das Ende der Welt geliefert werden. Nur die Steine nicht. Die Tempel wurden direkt in den Fels hinein geschlagen.
Menschenleer und vergessen lagen die Stätten über viele Jahrhunderte, bis sie wieder entdeckt wurden. Jetzt erwacht jeden Tag für zwei Stunden der freie Platz vor den Tempeln zu quirligem Leben. Reiseführer versammeln ihre Gruppen um sich und erklären mit Hilfe von Fotografien die Hieroglyphen und Bilder, die das Dunkel im Tempelinneren bewahrt hatte.
Hieroglyphen und Bilder an den Wänden
Ich ging langsam zum Eingang des Tempels. Schlachtenszenen und abgeschlagene Köpfe zeigten Eindringlingen, was ihnen bevorstand, wenn Ramses mit seinem Streitwagen die Feinde Ägyptens besiegte, um sie der Göttin des Krieges zu opfern. Was würde der Pharao zu den modernen Eindringlingen sagen, die die heiligen Hallen in Massen stürmten?
Von Scheinwerfern erhellt
Ich ging in die Tempel hinein, sah die Menschenmengen drängeln und sich an den Wänden entlang schieben. Ich schaute mich um und suchte Reste von Erhabenheit, doch ich fand nur weinende Kinder, dozierende Väter, staunende Bildungsbürger, fühlende Esoteriker, Mütter wischten Kindernasen – alles schob und drängelte, es blieb kein Raum für Stille und Besinnung. Im Allerheiligsten saßen Ptah, Amun-Re, Ramses und Re-Harachte im Dunkel. Nur zweimal im Jahr, zur Sonnenwende, schien die Sonne einen kurzen Augenblick lang, wie einen Lidschlag der Ewigkeit, auf drei der Statuen. Jetzt erhellte ein Scheinwerfer die Kammer tief im Fels, damit die Besucher staunen konnten. Der Gestank nach ungelüfteter Wäsche, nach Schweiß und Deodorant, nach Schimmel und bereits hundertfach geatmeter Luft ließ den Raum immer kleiner scheinen. Rückten die Wände enger zusammen? Brauchten die Götter neue Nahrung?
Ich eilte hinaus, stolperte fast, geblendet vom Mittagslicht.
Ufer am Nasserstausee
Im Nassersee ist der Nil gestaut
In der Ferne glitzerte Wasser, kleine Wellen schlugen an steinige Ufer. Nichts wuchs rund um den See, der doch Leben spenden sollte und zur Bewässerung gestaut wurde. Ein Baum reckte schwarze dürre Äste in das Himmelblau.
Kleine Gruppen schwatzender Menschen gingen zurück zu den Bussen. Ich machte sich ebenfalls auf den Rückweg. Am Gasthaus setzte ich mich für einen Moment auf einen Grasfleck, schloss die Augen.
Alle sammelten sich wieder auf dem Parkplatz, suchten ihren Bus und stiegen ein. Als die Busse aus dem Tor fuhren, schlossen die Händler ihre Läden. Alles sank in Schlaf.
Im Mittagslicht der Rückfahrt sah ich, dass die Wüstenstraße wirklich von Kadavern gesäumt war: zerfetzte Karkassen toter Reifen lagen zwischen Steinen, Geröll und Sand, waren der Jagd auf den Horizont mit maximaler Geschwindigkeit zum Opfer gefallen.
Der Tempel von Abu Simbel wartet auf die nächsten Besucher.
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