Neuste Beiträge

Regensburg – vom Castra Regina zum Weltkulturerbe

Regensburger Dom Portalansicht

Regensburg – 2000 Jahre Stadtgeschichte

Die Altstadt von Regensburg lässt erahnen, wie eine mittelalterliche Stadt einst ausgesehen hat. Bis heute spiegelt die Architektur die Rolle der Stadt als Handelszentrum wider. Sie war Knotenpunkt und Umschlagplatz für Waren, die auf den großen Reiserouten nach Russland, Byzanz, Böhmen oder über die Alpen nach Italien transportiert wurden.

Haus mit Relikten aus der Römerzeit in Regensburg
Relikte aus der Römerzeit wurden in der Architektur integriert

Regensburg blieb vom Bombenhagel verschont

Regensburg hatte Glück. Weil die Stadt im zweiten Weltkrieg vom Bombenhagel verschont wurde und damit erhalten blieb, ist sie heute Weltkulturerbe, in der mehr als 1.000 denkmalgeschützte Häuser allein in der Innenstadt von 2.000-jähriger Stadtgeschichte künden. Wer durch Regensburg spazieren geht, kann diese wie in einem steinernen Geschichtsbuch lesen.

Fernhandel sorgte für den Reichtum der Stadt

Ursprünglich als römisches Soldatenlager zur Verteidigung angelegt, wuchs Regensburg rasch und avancierte im Mittelalter zu einer Residenz, in der Fürsten und Bischöfe gleichermaßen ihre Paläste bauen ließen. Der Fernhandel machte die Regensburger reich, nicht alle, aber einige von ihnen durchaus. Die Stadt lag verkehrsgünstig an der Donau und war die am südlichsten gelegene protestantische Reichsstadt.

Patrizierturm in Regensburg
Patrizierturm in Regensburg

Italienisches Flair in der Stadt

Die hohen Patriziertürme in Regensburg machen einen Teil des südlichen Flairs aus. Ursprünglich ragten mehr als 60 von ihnen über die Dächer der Stadt, heute sind noch etwa 20 von ihnen erhalten. Während die italienischen Türme zur Verteidigung dienten, zeigten die Regensburger, was sich deren Erbauer leisten konnten, ganz nach dem Motto: Meiner ist höher als deiner.
Sie spiegelten den Gewinn wieder, der mit dem Fernhandel in die Stadt gekommen war. Schließlich zählten die Regensburger Handelsherren zu den ersten, die mit Brokat und Pelzen, Seide und Gewürzen über die Alpen zogen und dort nicht nur Geschäfte abwickelten und ihren Gewinn einsackten, sondern auch die südländische Lebensart kennen und schätzen lernten.

Der immerwährende Reichstag in Regensburg

Altes Rathaus in Regensburg
Der immerwährende Reichstag fand im alten Rathaus in Regensburg statt

Weil sich in Regensburg katholische und evangelische Einwohner seit 1542 das Leben so schwer wie möglich machten, tagte gleich 150 Jahre lang der immerwährende Reichstag in der Stadt. Damit hatte sie Glück: Zu dieser Zeit hatte sich der Handel andere Wege gesucht und die Stadt war arm, aber immer noch sexy. In den alten, adligen Residenzen war genügend Platz für die Gesandten der Fürsten und Vertreter der Reichsstände, die auf dem immerwährenden Reichstag tagten und miteinander verhandelten.

Relikte aus der Römerzeit

Wer genau schaut, entdeckt nicht nur mittelalterliches in der Stadt, sondern auch Relikte aus der Römerzeit, gut 2.000 Jahre alt. Das ehemalige Nordtor führte einst in das Lager Castra Regina der Legion III Italica. Insgesamt 6.000 Soldaten waren am nördlichsten Punkt der Donau stationiert und wachten über die Grenze des Römischen Reiches. Weil die Regensburger pfiffig waren, rissen sie alte Gemäuer nicht einfach ab, sondern integrierten sie in die neue Bebauung. Daher bilden die vom Alter geschwärzten Steine einen malerischen Kontrast zum weiß gekalkten Bischofspalast, der erst viele Jahrhunderte später entstand.

Alte Gebäude wurden saniert

Auf alten Fotografien lässt sich erahnen, dass Regensburg nicht immer so adrett herausgeputzt war. In die von Bomben verschonte Stadt kamen nach dem Krieg unendliche Ströme an Flüchtlingen: In den fünfziger Jahren war Regensburg nicht nur die am dichtesten besiedelte, sondern auch eine sehr heruntergekommene Stadt. Zu dieser Zeit war jedes fünfte Haus vom Einsturz bedroht. Glücklicherweise gab es Menschen, denen die alten Gebäude so sehr am Herzen lagen, dass sie diese nicht abrissen, sondern sanierten.

Verwinkelte und malerische Ecken

Regensburg hat bis heute viele verwinkelte Ecken und Höfe, durch welche die Straßen auf kurzen Wegen verbunden sind. In die einstigen Hauskapellen der Patrizier zogen kleine Geschäfte ein. Wer die Stadt und ihre Geschichte hautnah erleben möchte, nimmt an einer der kurzweiligen Stadtführungen teil.

Zwei römische Soldaten in Regensburg
Die letzten zwei Römer aus Castra Regina

In historische Kostüme gewandet, erzählen beispielsweise zwei römische Soldaten von der schweren Last ihrer Ausrüstung. Diese wog zwischen 35 und 40 Kilogramm und musste selbstverständlich auf den Märschen selbst getragen werden. Von Camuntum, römischer Hauptstützpunkt östlich von Wien an der Donau, bis Regensburg waren es gut 500 Kilometer zu Fuß. Obwohl die Soldaten täglich dreißig Kilometer marschierten, brauchten sie gut vier Wochen bis Regensburg.

Der Regensburger Dom mit dem Eselsturm

Hinter den beiden Römern führt eine Treppe zum Sitz des Bischofs. Von hier aus lässt sich ein fabelhafter Blick auf den Regensburger Dom erhaschen. An dessen gotischer Basilika klebt noch ein alter Turm, Eselsturm genannt.

Eselsturm am Dom in Regensburg
Eselsturm am Dom in Regenburg

Der lateinische Name Asinus lässt sich zwar gleichermaßen mit Esel oder Dummkopf übersetzen, war jedoch einst auch die Bezeichnung für einen Lastenaufzug. Ob die Esel erst die Steine und später die Glocken nach oben zogen? Weil der Bau eines solchen Doms viel Geld verschlang, war hinterher keines mehr übrig. Der alte Turm blieb einfach unverkleidet stehen. Manchmal ist eben Armut die bessere Denkmalpflege.

Eine alte Tabakfabrik im Patrizierhaus

Die im neunzehnten Jahrhundert beginnende Industrialisierung setzte sich in Regensburg nur sehr zögerlich durch. Auch wenn einige Manufakturen entstanden, waren es doch zu wenige, um aus der Stadt ein echtes Industriezentrum zu machen. In zwei zusammengelegten Patrizieranwesen entstand beispielsweise eine Fabrik für Schnupftabak, in der bis vor 20 Jahren sogar noch in der Innenstadt produziert wurde. Drei Räume blieben im ursprünglichen Zustand bei der Sanierung erhalten. Innen riecht es noch immer nach Tabak, genau so, wie in den vergangenen zweihundert Jahren.

Schnupftabakfabrik in Regensburg
Schnupftabakfabrik in Regensburg
alte Tabakmühle in Regensburg
Hier wurde der Tabak zerkleinert

Damals zerkleinerten  Arbeiter in 14-stündiger Arbeitszeit den Tabak, zerrieben ihn und versetzten ihn mit Schmalz und Aromen. Die Herren gehobener Stände kauften ihn schließlich in kleine Döschen gefüllt.

Das Patrizierhaus der Familie Runtinger

In Regensburg lässt sich noch viel mehr entdecken: Die Schottenkirche mit ihrem reich geschmückten Portal, der Kaisersaal im Gasthaus zum Goldenen Kreuz oder das Patrizierhaus der Familie Runtinger.

Mitteralterliche Kauffrau in Regensburg
Margarethe Runtinger lauscht dem Reisebericht

Weil das Handelsbuch der Runtigers im Stadtarchiv erhalten blieb, sind sämtliche Aufzeichnungen über die gehandelten Waren, die Preisaufschläge und die Handelswege bekannt. Handelsherr Matthias Runtiger lebte um 1400, als er starb, übernahm seine Frau Margarethe die Geschäfte und führte die Bücher weiter. Sie schickte ihre Bediensteten auf Handelsreisen und blieb selbst zu Hause, ganz im Gegensatz zu ihrem Mann, der die Reisen selbst begleitete. Kamen die Karawanen nach Monaten oder Jahren nach Regensburg zurück, hörte sie Berichte von wunderlichen Tieren mit langen Nasen, märchenhaften Orten und Reichtümern.

 

Liebesgeschichte mit Happy End

Satute von Don Juan d'Austria in Regensburg
Don Juan d’Austria

Dass Liebesgeschichten hoher Herrschaften auch gut ausgehen konnten, davon erzählt das Denkmal von Don Juan d’Austria: Kaiser Karl V. war bereits Witwer, als er sich in die bürgerliche Gürtlerstochter Barbara Blomberg verliebte. Als die Regensburgerin einen Sohn vom Kaiser bekam, ließ ihn dieser am spanischen Hof erziehen. Er wusste nichts von seiner Herkunft und sollte eigentlich in den kirchlichen Dienst.  Er wollte jedoch lieber beim Militär Karriere machen. Als Befehlshaber der spanischen Mittelmeerflotte schlug er in der Seeschlacht von Lepanto 1571 die Osmanen.

 

Der Brandenfels: Einst Wacht über die Werra

Höhenburgruine Brandenfels

Stille Burgruine Brandenfels

Wer seine Ruhe haben will, braucht gar nicht weit zu ziehen: Mitten in Deutschland gibt es völlig ruhige und vergessene Landschaften. Hier gibt es (fast) nichts mehr.

Landschaft in Nordhessen
Idyllische und vergessene Landschaft

Der Brandenfels – eine ehemalige Höhenburg

Hoch auf dem Ringgau in Hessen steht die Ruine der ehemaligen Höhenburg Brandenfels. In der Mitte des 13. Jahrhunderts erbaut, sind heute nur noch vereinzelte Reste oberhalb von Markershausen, einem Ortsteil der nordhessischen Gemeinde Herleshausen zu finden.

Foto Reste der Höhenburg Brandenfels
Reste der Höhenburgruine Brandenfels

An der ehemaligen innerdeutschen Grenze gelegen, trennt die Werra immer noch – die Bundesländer Hessen und Thüringen. Und auf der Thüringer Seite wacht weithin sichtbar die Ruine der Brandenburg über die Werra. Diese ist touristisch gut erschlossen, auch wenn nur relativ wenige Wanderer kommen.

Der Brandenfels in Nordhessen
Der Brandenfels

Der Brandenfels dagegen liegt wie vergessen auf seinem Berg. Hierher verirrt sich niemand aus Versehen, er will gesucht und gefunden werden und belohnt dafür mit einer Stille, die andächtig auf das Vergehen der Zeit verweist.

Der Weg führt in Windungen nach oben

An der Straße bleibt das Auto stehen und die restliche Strecke muss zu Fuß bewältigt werden. Der Pfad zur Burg schraubt am Berg entlang, in immer neuen Windungen geht es höher und höher, immer links um den Berg herum. Alte Steine auf dem Pfad berichten, wie er vor langer Zeit befestigt wurde. Schließlich sollten Pferdehufe und Karrenräder sicher bis nach oben kommen.

Hier sagen sich Fuchs und Hase “Gute Nacht”

Ein Fuchs kommt mir direkt auf dem Weg entgegen. Ich bleibe stehen, doch er nimmt mich nicht wahr, trottet weiter, kommt näher und hält plötzlich an. Hat er mich gesehen? Doch er guckt nach links, ins Gebüsch, hebt seine Vorderpfote, wartet gespannt und verschwindet mit einem großen Satz. Als er zurückkehrt, hat er seine Beute im Fang, legt sie zunächst auf den Weg, wittert, spannt und schaut weiter ins Gebüsch. Ob er an der gleichen Stelle noch ein zweites Mal etwas fängt? Leider dreht er sich um, sieht mich, schnappt nach seiner abgelegten Beute und verschwindet mit einem großen Hupf im Busch.

Der Weg wird schmaler

Ein Pfeil weist vom großen Weg auf einen kleinen Weg, der sich unscheinbar im Grün verbirgt: Hier geht es links entlang. Der Pfad wird immer schmaler und manchmal bin ich mir nicht mehr ganz sicher, ob ich nicht doch eine Abzweigung verpasst habe. Buchen bilden einen grünen Baldachin über mir, durch den das Sonnenlicht blinkt. Bärlauch blüht und duftet, und die Bienen summen sich satt. Zwei Buchenstämme liegen übereinander und versperren mir den Weg.

Foto zwei umgestürzte Buchen
Zwei umgestürzte Buchen versperren den Weg

Ich drehe mich um und sehe jetzt erst das Schild, das mir zeigt, dass ich auf dem richtigen Weg bin und die Stämme einfach übersteigen muss. Immer schmaler wird der Pfad, ist nur noch fußbreit und gesäumt von hohen Rispengräsern, bis ich inmitten von blühendem Bärlauch und Waldmeister auf einen steinernen Pfeiler im Graben treffe. Oben auf dem Hang ragen Mauern, in denen Fensterhöhlen gähnen.

Höhenburgruine Brandenfels
Fensterhöhlen der Höhenburgruine Brandenfels

Alte Steine in frischem Grün

Mauerloch auf der Burgruine Brandenfels
Mauerloch auf der Burgruine Brandenfels

Hältst du dein Ohr an die alten Steine, kannst du die Träume, Sehnsüchte und Klagen derer hören, die einst hier wohnten: Das Weinen des Küchenjungen, weil er für die verschüttete Milch von der Magd gezaust wurde; das Kichern der Küchenmädchen, die mit den Pferdeknechten schäkerten, wenn sie sich beim Wasserholen am Burgbrunnen trafen; das ungeduldige Schnauben und Scharren der Pferde, wenn sie bereits aufgezäumt warten mussten, bis es wieder hinab ging – und das Fluchen der Knechte, die bei schweren Wagen in die Speichen greifen mussten, damit alles nach oben auf die Burg gekarrt werden konnte, was zum Leben auf dem Berg und in der Brandenburg nötig war.

Ein idyllischer Ort mit großartiger Aussicht

Ein Stein wippte unter vorjährigem Laub, als ich auf ihn trat – doch als ich ihn drehte, fand sich kein Eingang zum Feenreich. Nur ein Regenwurm ringelte sich rasch ins Dunkel zurück.

Foto Aussicht auf das Werratal
Aussicht auf das Werratal

Die Aussicht über das Werratal ist von hier oben großartig. Wer nach der Anstrengung gerne essen und trinken will, muss das Picknick allerdings selbst mühsam nach oben schleppen. Doch der Genuss ist damit um so größer, begleitet von Vogelzwitscher und Hummelsumm.

Mit dem Motorradgespann zum Bodensee

Foto Bodensee mit Pfahldort

Eine Abfahrt ist immer spannend: Die Vorfreude wird endlich in Kilometer und Strecke umgesetzt. Ob der Weg und das Ziel der Erwartung entsprechen? Die Pferde der Moto Guzzi stampfen ungeduldig und laufen los, so dass ich jeden Kolbenhub im Beiwagen spüren kann. Der Mann neben mir will bei Laune gehalten werden, schließlich soll er uns sicher über den Asphalt führen.

Foto Motorrad mit Gesapann auf der Autobahn
Jetzt führt die Straße schon rund um den Bodensee, der Fahrer hat die Maschine sicher im Griff
Foto Motorradfahrer schaut auf Landkarte
Streckenkontrolle: Sind wir noch auf dem richtigen Weg

Mit der Nase in Höhe der LKW-Radnaben habe ich genug Muße, das Straßenbegleitgrün zu studieren. Sie Sonne scheint, doch schwarze Wolken türmen sich am Horizont. Unterwegs sein, mit Guzzi und Beiwagen – bei schönem Wetter ist das kein Problem. Wann wird es zum Abenteuer? Denn das Wetter bleibt so ohne Dach und Wände ein unberechenbarer Faktor. Die Autos schnurrten vorbei, manch ein Fahrer guckt. Neidisch?
Im Beiwagen lässt es sich gut träumen, bis die ersten Regentropfen wie Knallerbsen auf Helm und Scheibe prasseln. Von wegen Regenschutz! Vom Fahrtwind geschubst, drängeln sich erst die Tropfen, dann ganze Wasserströme in den Beiwagen. Die Arme stecken in der Regenjacke, sind also wetterfest und dichten die Einstiegsluken rechts und links ein wenig ab.
Von der Fahrerseite aus spritzt das Wasser direkt von der Guzzi-Verkleidung hoch zur Luke. Dort hätte die Seitenwand gut zehn Zentimeter höher sein können, von dort aus steigt ja niemand ein. Bis auf das Wasser, jetzt: Es gischtet und dräng, von oben tropft die Scheibe hinauf bis hoch zur Kante, dort halten sie einen Moment inne, als müssten sie noch überlegen: „Fall ich – oder fall ich nicht“ bevor sie sich geradewegs nach unten auf meine Hose fallen lassen und darin versickern. An den Seiten ist die Jeans ebenfalls schon nass, zum Glück ist es nicht so kalt.
Am Rastplatz grinst der Mann neben mir in seinen nassen Klamotten, da kam jedenfalls kein Regentröpfchen durch. Zur Rast gehören laut Kommentar des Mannes hart gekochte Eier, Leberwurstbrote und Frikadellen. Ich habe noch den Geschmack alter Schulleberwurstbrote auf der Zunge, wenn ich daran denke: Das schmeckte wie feuchte Socke auf Dachpappe. Aber an diesem Rastplatz ist ein Rasthof – und der hat leckeren Kaffee.

Foto Blick aus dem Weinberg auf dem Bodensee
Blick aus dem Weinberg auf dem Bodensee

Am Zeltplatz müht sich der Mann ohne Korkenzieher, den Korken aus der Flasche zu bekommen. Doch weder mit dem Leatherman noch mit dem Inhalt der gesamten Guzzi-Werkzeugkofferrollle lässt sich der Stopfen bezwingen.
Nur noch ein kleines Stück bis zum Bodensee ist es man nächsten Tag. Gleich am ersten Campingplatz gibt es für uns, das Zelt und die Guzzi ein freies Plätzchen. Beim Campen gibt es Rituale, zum Beispiel, wie ein Zelt korrekt aufzubauen sei: Der mann wirft das Zelt aus, klopft die Häringe in den Boden, rollt die Liegematten aus und lüftet die Schlafsäcke. Während die Häringe gesteckt werden, blasen sich Matten und Schlafsäcke alleine auf. Die Matten werden nachgepustet und zu Sitzen gefaltet. Nach längstens fünf Minuten müsse er vor dem Zelt gemütlich auf seiner gefalteten Matte sitzen und das erst Bier ploppen, sagt der Mann.

Foto Motor im Zeppelinmuseum in Friedrichshafen
In Friedrichshafen besuchten wir das Zeppelinmuseum und bestaunten die gigantischen Motoren
Foto Narr am Brunnen im Radolfzell
In Radolfzell sitzt ein Narr am Brunnen

Weil noch Zeit ist, fahren wir in die Schweiz, obwohl der Mann murrt, es sein schon so spät. Er scheucht die arme Guzzi in einem Affenzahn um den Bodensee und stellt – beim Italiener in der Schweiz sitzend – fest, dass er keine Kohle habe. Aber ich habe meine EC-Karte dabei, ist doch alles kein Problem, oder? Doch mit der EC-Karte funktioniere die Lichtmaschine nicht, da waren wohl andere Kohlen gemeint.

Foto Pfahldorf
Pfahldorf am Bodensee – nicht nur dicht an, sondern im Wasser gebaut

Wir fahren noch zum Pfahldorf. So lebten die Menschen vor sechstausend Jahren in der Steinzeit und auch noch vor dreitausend Jahren in der Bronzezeit am Bodensee. Warum bauten sie wohl die Hütten auf Stelzen im See? Vielleicht konnten sie so leichter die Fische fangen oder sich vor Überfällen schützen, vielleicht hat es ihnen aber auch einfach nur gut gefallen. Genaueres weiß man nicht, so bleiben nur Geschichten und Spekulationen.
Aber der Mann hat keine Geduld mehr. Denn auf dem Weg neulich in die Schweiz hat er die alte Dame Guzzi doch ein wenig zu sehr gejagt. Ab einem gewissen Alter sind auch alte Motorräder mit Seitenwagen schon mit Zipperlein geplagt. Und wer weiß so genau, warum die Lichtmaschine nun nicht mehr will? Der mann möchte jedenfalls die Batterie an eine Steckdose hängen, doch auf dem Zeltplatz ist keine mehr frei. Dennoch gibt es am Abend noch Bodensee-Felchen zu essen, als Trost und zum Abschied.
Die Strecke zurück ist zunächst noch von der Herfahrt vertraut: Die großen Früchte grüßen am Straßenrand und zeigen, wo es frische Kirschen, Erdbeeren, Himbeeren gibt. Gemächlich und langsam schaukelt uns die Guzzi die Landstraßen entlang. Hier ist die Chance größer, bei eventuellen Bedarf eine Werkstatt zu finden. Die Pferdchen traben ruhig und laut, immer am Neckar entlang. Bis Tübingen. Durch Tübingen, bis zum Zeltplatz. Dort rührt sich nichts mehr, als wir nach der Mittagspause auf den Zeltplatz fahren wollen. Doch hier gibt es einen netten Zeltplatzwart und eine freie Steckdose.

Foto Motorradgespann Moto Guzzi
Ein letztes Mal Saft aus der Steckdose tanken – damit der Heimweg sicher ist

Und am nächsten Tag gibt es eine Eispause, während die Batterie noch einmal für zwei Stunden geladen wird. Dann reicht Der Saft – und wir kommen gut wieder nach Hause.

Beitrag veröffentlicht in der Zeitschrift Motorradgespann Nr. 131 im Oktober 2012

Eine Reise ans Ende der Welt zum Tempel von Abu Simbel

Tempeleingang von Abu Simbel

Die Reise ans Ende der Welt
Der Tempel von Abu Simbel bildete einst das Ende der Welt: An der nubischen Grenze bewachten Ptah, Amun-Re, Ramses und Re-Harachte war das Reich von Ramses II. In den 60er Jahren wurde der Tempel, der zum Weltkulturerbe gehört, an einer erhöhten Stelle wieder errichtet, da er andernfalls im aufgestauten Nasser-See versunken wäre.

Eine Tour zum Tempel von Abu Simbel

Ich hatte mir eine Tour durch die Wüste immer beschwerlich und schweißtreibend vorgestellt. In meiner Phantasie zogen mit Spezereien und Edelsteinen, Seidenstoffen und Aphrodisiaka beladene Kamele gemächlich jahrhundertealte Pfade entlang. Die Wege waren gesäumt von verhungerten, verdursteten, unter ihrer Last zusammengebrochenen Tiere. Bleiche Schädel bleckten Zähne in die Sonne, durch hochaufragende Rippenbögen pfiff Wüstenwind körnigen Sand. Reste graugelber Kamelhaut und Haaren wehten gedörrt, von Aasgeiern zerrupft, über mumifizierten Leichen.

Ist der Weg noch richtig?

Immer wieder die bange und lebenswichtige Frage: ob dieser sandverwehte Pfad noch der richtige sei – oder würde er geradewegs in den hitzeflimmernden Horizont einer Fata Morgana führen, welche die Reisenden mit dem Trugbild einer Oase narrte und sinnenverwirrt verdursten ließ? Schwer bewaffnete und vermummte Söldner begleiteten und schützten Leiber und Leben der Reisenden und der Last tragenden Tiere. Denn manchmal überfielen mutige Krieger auf mageren Pferden die Karawanen, ihr Leben in den wenigen Oasen der Wüste war sonst zu schwer und karg.

Straße 75 durch die Wüste nach Abu Simbel in Ägypten
Wüstenstraße 75 nach Abu Simbel

Mit Bussen auf der modernen Wüstenstraße

Als ich die Reise ans Ende der Welt selbst begann, führte eine moderne Wüstenstraße geteert und schnurgerade zum Horizont, die scharf gezogenen Ränder von kleinen Sandwehen leise verwischt. Bis an den Südrand des alten Reiches gelangte ich mit einem Konvoi klimatisierter Reisebusse. Im Dunkel der Nacht noch hatte sich der Konvoi auf einem großen Parkplatz im sicheren Schutz des Militärs formiert, bevor es hinaus in die Todeszone der Wüste ging. Blutjunge, hagere Soldaten in abgewetzten Uniformen und mit blank geputzten Uzis fuhren in jedem Fahrzeug auf den aussichtsreichsten Plätzen in der ersten Reihe.
Ob gleich schwer bewaffnete Männer aus den schwarzen Schatten der Sand- und Kiesberge die Busse stürmen würden? Die Dunkelheit der Nacht ließ meine Phantasie Purzelbäume schlagen. Wie real war die Bedrohung? Würde ich die Fahrt überleben?

Mit Maximum Speed unterwegs

Langsam zeigte sich am östlichen Horizont ein blasser Lichtstreif und genau so langsam erhob sich die Sonne zu ihrem täglichen Lauf. Die alten Ägypter glaubten, Nut, die alles überspannende blaue Himmelsgöttin, schlucke jeden Abend die Sonne um sie am Morgen neu zu gebären.
Die Straße war völlig menschenleer. In größeren Abständen luden Haltebuchten ein, in der sandigen und felsigen Ödnis zu verweilen. Doch die Fahrzeuge rasten immer weiter, dem Horizont entgegen. Ich warf einen Blick auf den Tacho: die Nadel stand sicher und still am Anschlag. „Kaputt?“ Der Fahrer schüttelte den Kopf unter seiner Kefijah: „No, Madame. Maximum Speed.“

Drei Stunden Fahrt

Drei lange Stunden bretterten die achtzig vollbesetzten Busse durch die nubische Wüste bis zu einem riesigen, mit Stacheldraht umzäunten leeren Parkplatz. Flache Gebäude säumten eine Längsseite: Toiletten – am Ende der Welt wurde die Zivilisation von Wasserklos verteidigt. Die Händler auf dem Weg zum Gasthaus wurden munter und kamen mit ihren Waren aus dem Dunkel ihrer Verschläge heraus.
„Parlez-vous francais?“
“Do you speak english?“
„Sprechen Sie deutsch?“
Woran sahen die Händler, in welcher Sprache sie ihre Tücher und Figuren anbieten mussten? Waren die Nationalitäten so leicht zu durchschauen? Ich schaute an mir herab: Was unterschied mich von den Israelis, die hinter mir gingen?
Ich sah mich um.

Japanische Touristen vor dem Tempel in Abu Simbel
Touristen vor dem Tempel in Abu Simbel

Menschen aus allen Ländern unterwegs

Lächelnde Japaner posierten mit dem Victory-Zeichen vor ihren Kameras, rotgesichtige Holländer wischten sich mit blaukarierten Taschentüchern den Schweiß von der Stirn, zierliche Französinnen trugen entgegen aller Empfehlungen nur einen Hauch an Stoff – es war ja so heiß. Globetrotter aller Welt, in Khaki uniformiert und mit schweren Objektiven bewaffnet, schraubten an den Bajonettverschlüssen der Spiegelreflexkameras. Die Menge schob sich langsam drängelnd zu einem flachen Gebäude, das von einem starken Metallzaun umgeben war. Wieder standen schwer bewaffnete junge Männer scheinbar gleichgültig herum. Doch unter den langen schwarzen Wimpern musterten hellwache Augen jeden Einzelnen durchdringend beim Eintritt.

Touristen laufen zum Eingang des Tempels Ramses II in Abu Simpel
Touristen laufen zum Eingang des Tempels von Ramses II in Abu Simbel

Alles wird bewacht

Hunderte von Menschen drängten sich durch die dämmerige Enge des Einlasses. Ausnahmslos jede Tasche wurde mit Röntgenstrahlen durchleuchtet. Noch ein kurzer Fußmarsch um einen Hügel: dort hielten sie ihre ewige Wacht.
Seit dreitausend Jahren bewachen die ägyptischen Götter die nubische Grenze des alten Reiches. Ramses II. ließ einst die Tempel von Abu Simbel am Südzipfel seines Reiches bauen. Schon damals musste alles – Werkzeuge, Farbe, Brot und Zwiebeln – in Karawanen mühsam an das Ende der Welt geliefert werden. Nur die Steine nicht. Die Tempel wurden direkt in den Fels hinein geschlagen.
Menschenleer und vergessen lagen die Stätten über viele Jahrhunderte, bis sie wieder entdeckt wurden. Jetzt erwacht jeden Tag für zwei Stunden der freie Platz vor den Tempeln zu quirligem Leben. Reiseführer versammeln ihre Gruppen um sich und erklären mit Hilfe von Fotografien die Hieroglyphen und Bilder, die das Dunkel im Tempelinneren bewahrt hatte.

Hieroglyphen und Bilder an den Wänden

Ich ging langsam zum Eingang des Tempels. Schlachtenszenen und abgeschlagene Köpfe zeigten Eindringlingen, was ihnen bevorstand, wenn Ramses mit seinem Streitwagen die Feinde Ägyptens besiegte, um sie der Göttin des Krieges zu opfern. Was würde der Pharao zu den modernen Eindringlingen sagen, die die heiligen Hallen in Massen stürmten?

Von Scheinwerfern erhellt

Ich ging in die Tempel hinein, sah die Menschenmengen drängeln und sich an den Wänden entlang schieben. Ich schaute mich um und suchte Reste von Erhabenheit, doch ich fand nur weinende Kinder, dozierende Väter, staunende Bildungsbürger, fühlende Esoteriker, Mütter wischten Kindernasen – alles schob und drängelte, es blieb kein Raum für Stille und Besinnung. Im Allerheiligsten saßen Ptah, Amun-Re, Ramses und Re-Harachte im Dunkel. Nur zweimal im Jahr, zur Sonnenwende, schien die Sonne einen kurzen Augenblick lang, wie einen Lidschlag der Ewigkeit, auf drei der Statuen. Jetzt erhellte ein Scheinwerfer die Kammer tief im Fels, damit die Besucher staunen konnten. Der Gestank nach ungelüfteter Wäsche, nach Schweiß und Deodorant, nach Schimmel und bereits hundertfach geatmeter Luft ließ den Raum immer kleiner scheinen. Rückten die Wände enger zusammen? Brauchten die Götter neue Nahrung?
Ich eilte hinaus, stolperte fast, geblendet vom Mittagslicht.

Ufer am Nasserstausee
Ufer am Nasserstausee

Im Nassersee ist der Nil gestaut

In der Ferne glitzerte Wasser, kleine Wellen schlugen an steinige Ufer. Nichts wuchs rund um den See, der doch Leben spenden sollte und zur Bewässerung gestaut wurde. Ein Baum reckte schwarze dürre Äste in das Himmelblau.
Kleine Gruppen schwatzender Menschen gingen zurück zu den Bussen. Ich machte sich ebenfalls auf den Rückweg. Am Gasthaus setzte ich mich für einen Moment auf einen Grasfleck, schloss die Augen.
Alle sammelten sich wieder auf dem Parkplatz, suchten ihren Bus und stiegen ein. Als die Busse aus dem Tor fuhren, schlossen die Händler ihre Läden. Alles sank in Schlaf.
Im Mittagslicht der Rückfahrt sah ich, dass die Wüstenstraße wirklich von Kadavern gesäumt war: zerfetzte Karkassen toter Reifen lagen zwischen Steinen, Geröll und Sand, waren der Jagd auf den Horizont mit maximaler Geschwindigkeit zum Opfer gefallen.

Der Tempel von Abu Simbel wartet auf die nächsten Besucher.